AfD-Feier in Höxter: Zwischen Einheits-Gedenken und politischer Abrechnung

Hoffmann von Fallersleben als historisches Vorbild – und als Vergleich zur heutigen Politik

Alexander Bieseke

Höxter. Zum Tag der Deutschen Einheit veranstaltete die AfD am Hoffmann-von-Fallersleben-Denkmal in Höxter eine Kundgebung. Nach Angaben in einer Pressemitteilung, die Peter Eichenseher als Verfasser ausweist, standen die deutsche Einheit, Meinungsfreiheit und der Namensgeber des Denkmals im Mittelpunkt.

AfD-Landeschef Martin Vincentz würdigte Hoffmann von Fallersleben als „Vorkämpfer für ein geeintes Deutschland“. Sein „Lied der Deutschen“ sei bis heute Teil der nationalen Identität. Gleichzeitig erklärte Vincentz laut Pressemitteilung: „Allen Versuchen, sie als Nationalhymne abzuschaffen, hat dieses Lied standgehalten.“

Historisch ist die Einordnung allerdings differenzierter. Hoffmann von Fallersleben schrieb das „Lied der Deutschen“ 1841 im Vormärz. Er setzte sich für nationale Einheit und politische Freiheiten ein und geriet wegen seiner politischen Schriften mit den damaligen Obrigkeiten in Konflikt.

Heute ist jedoch ausschließlich die dritte Strophe des Liedes die deutsche Nationalhymne. Sie wurde nach der Wiedervereinigung als Hymne der Bundesrepublik bestätigt. Die erste Strophe gehört nicht zur Nationalhymne.

Besonders politisch wird der historische Vergleich bei der von Eichenseher wiedergegebenen Aussage, Hoffmanns Kampf gegen eine „vergreiste Kaste unfähiger Politiker, die mit aller Macht die Opposition unterdrücken wollten“, gleiche den Verhältnissen im heutigen Deutschland.

Hier liegen zwei unterschiedliche Ebenen: Dass Hoffmann von Fallersleben die politischen Zustände seiner Zeit scharf kritisierte und unter Zensur und staatlichen Sanktionen litt, ist historisch belegt. Die Übertragung dieser Verhältnisse auf die heutige Bundesrepublik ist dagegen eine politische Interpretation der Redner und keine historische Feststellung.

Auch die übrigen Redner setzten aktuelle politische Akzente. Bundestagsabgeordneter Udo Hemmelgarn und Europaabgeordneter Hans Neuhoff stellten laut Pressemitteilung weitere historische Bezüge zur heutigen Politik her. Überraschungsgast Armin-Paul Hampel sprach anschließend von guten Chancen für einen politischen Wandel bei der NRW-Landtagswahl 2027.

Klaus Lange, Vorsitzender des AfD-Kreisverbandes Höxter und inzwischen nominierter Landtagskandidat, bezeichnete die Veranstaltung anschließend als „gelungene und würdige Feier“.

Der Tag der Deutschen Einheit bietet damit in Höxter nicht nur Anlass zum Rückblick auf die Wiedervereinigung. Die Veranstaltung zeigt zugleich, wie unterschiedlich historische Figuren und Ereignisse politisch interpretiert werden können.


Infobox

Zug auf das Hambacher Schloss 1832. (Historisches Museum der Pfalz, Speyer / Peter Haag-Kirchner, HMP Speyer)

Der Vormärz ist eine historische und literarische Epoche in Deutschland, die von 1815 (Wiener Kongress) bis zur Märzrevolution 1848 dauerte.
Hintergrund & Politik


• Restauration und Unterdrückung: Nach Napoleons Sturz stellten die europäischen Monarchen auf dem Wiener Kongress die alte absolutistische Ordnung wieder her.


• Karlsbader Beschlüsse (1819): Diese Gesetze brachten strenge Zensur, Überwachung von Universitäten und die Verfolgung politischer Kritiker (“Demagogenverfolgung”).


• Proteste: Wichtige Höhepunkte des Widerstands waren das Wartburgfest (1817) und das Hambacher Fest (1832) mit rund 30.000 Teilnehmern.


• Soziale Not: Die beginnende Industrialisierung führte zu Massenarmut (Pauperismus) und Unruhen wie dem schlesischen Weberaufstand (1844).
Kernforderungen der Epoche


• Demokratie und Freiheit: Die Bürger forderten Grundrechte, Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und eine demokratische Verfassung.


• Nationale Einheit: Deutschland sollte aus dem Flickenteppich einzelner Fürstentümer zu einem geeinten Nationalstaat werden.


• Trennung von Staat und Kirche sowie Gleichberechtigung.
Literatur des Vormärz


• Politisches Engagement: Literatur diente als Waffe und Aufruf zum politischen Handeln gegen den Adel und die Zensur.


• Formen und Stil: Autoren nutzten eine einfache, klare und verständliche Sprache, oft Lyrik (Lieder, politische Gedichte) oder kurze Prosa, um das Volk direkt zu erreichen.


• Wichtige Vertreter & Werke:


• Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen, Die schlesischen Weber
• Georg Büchner: Woyzeck, Leonce und Lena
• August Heinrich Hoffmann von Fallersleben: Das Lied der Deutschen
• Georg Herwegh und Ferdinand Freiligrath

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