Transparenz kostet weniger als behauptet?
Alexander Bieseke
Bad Driburg/Spruce Creek (Florida). Die Diskussion um die Einführung von Livestreams aus Ratssitzungen gewinnt weiter an Dynamik. Während die Verwaltung in verschiedenen Kommunen wiederholt hohe Kosten und organisatorische Hürden anführt, zeichnet ein Gespräch mit dem Höxterander IT-Unternehmer Jens Gronemeyer ein deutlich anderes Bild.
Der gebürtige Höxteraner, den wir für das Interview in Florida erreichen konnten, verfügt über langjährige internationale Erfahrung in der IT-Branche. Seine Einschätzung ist eindeutig: „Es ist keine Frage des Könnens, sondern des Wollens.“
💻 Technik und Kosten: „Überschaubar statt Millionenprojekt“
Gronemeyer widerspricht der Darstellung, dass Ratsstreaming ein komplexes oder teures Großprojekt sei. Nach seiner Einschätzung liegen die realistischen Kosten deutlich unter den häufig genannten Summen.
Er nennt folgende Orientierungswerte:
Einstiegslösung: ab ca. 10.000 Euro
Praxistaugliche Umsetzung: 20.000 bis 30.000 Euro
Vollausbau: bis etwa 50.000 Euro
Die technische Ausstattung sei dabei vergleichsweise simpel: ein bis zwei Kameras, ein Steuerungsrechner, Streaming-Software sowie die Nutzung vorhandener Mikrofonanlagen reichten in der Regel aus.
Auch die laufenden Kosten seien gering und bewegten sich lediglich im Bereich weniger hundert Euro monatlich für Plattformbetrieb und Support.
Wichtig sei aus seiner Sicht zudem: Es muss keine externe Firma beauftragt werden. Es können Mitarbeiter der IT-Abteilung dafür geschult werden.
🏛️ Kritik an politischen Entscheidungsprozessen
Neben der Technik äußert Gronemeyer deutliche Kritik an den Entscheidungsstrukturen in Politik und Verwaltung. Häufig würden Vorlagen von Stadtverordneten unzureichend hinterfragt und Entscheidungen auf Basis eingeschränkter Prüfung getroffen.
Ratsmitglieder verfügten oft nicht über ausreichend Zeit oder technische Detailkenntnisse, um komplexe Vorhaben im Detail zu bewerten. Dadurch entstehe eine starke Abhängigkeit von Verwaltungsvorlagen, so seine Einschätzung.
„Wenn man will, geht es. Wenn man nicht will, wird es teuer gerechnet.“
Jens Gronemeyer
Zudem warnt er davor, dass Kostenannahmen in manchen Fällen strategisch hoch angesetzt würden, um Projekte weniger attraktiv erscheinen zu lassen.
📡 Transparenz als zentraler Streitpunkt
Im Mittelpunkt steht für Gronemeyer die Frage der politischen Transparenz. Livestreams könnten Bürgerinnen und Bürgern ermöglichen, Entscheidungen direkt nachzuvollziehen und politische Prozesse transparenter zu machen.
Mehr Öffentlichkeit führe seiner Ansicht nach zwangsläufig zu mehr Verantwortlichkeit. Gleichzeitig vermutet er, dass genau dieser Effekt nicht überall gewünscht sei, da Abläufe stärker öffentlich kontrolliert würden.
⚖️ Datenschutz: Argument oder Hindernis?
Ein häufig vorgebrachter Einwand gegen Livestreams ist der Datenschutz. Gronemeyer hält dieses Argument nur bedingt für tragfähig.
Andere Kommunen setzten Streaming längst erfolgreich ein, rechtliche und technische Lösungen seien vorhanden. Datenschutz werde seiner Ansicht nach teilweise überbetont oder als Hürde genutzt, um Projekte zu verzögern.
🧠 Digitalisierung: Nachholbedarf in Kommunen
Über das konkrete Thema hinaus sieht Gronemeyer einen strukturellen Rückstand in der Digitalisierung kommunaler Verwaltungen. Viele Prozesse seien nicht mehr zeitgemäß und könnten effizienter gestaltet werden.
Als Beispiel nennt er die klassische Protokollführung, die durch moderne Systeme weitgehend automatisiert werden könne – mit potenziellen Einsparungen bei Zeit und Personalaufwand.
🌍 Blick aus den USA
Seine Einschätzungen speisen sich auch aus seiner Tätigkeit in den USA, wo er seit Jahren überwiegend lebt und arbeitet. Dort erlebe er eine stärkere Transparenz bei öffentlichen Prozessen sowie pragmatischere Entscheidungsstrukturen.
💬 Fazit: Technik nicht das Problem
Das Gespräch zeigt nach Einschätzung Gronemeyers ein klares Spannungsfeld: Technisch sei Ratsstreaming ohne großen Aufwand realisierbar und finanziell gut darstellbar. Die wesentlichen Hürden lägen weniger in der Umsetzung als in organisatorischen und politischen Rahmenbedingungen.
Damit bleibt die zentrale Frage offen: Geht es tatsächlich um Kosten – oder vielmehr um Kontrolle und Transparenz? Am kommenden Montag, 20.04.2026 um 18 Uhr Betätigung der Haupt- und Finanzausschuss über das Thema.
Infobox
Jens Gronemeyer – Unternehmer und IT-Spezialist
Jens Gronemeyer ist Gründer und ehemaliger Geschäftsführer der Gronemeyer Datentechnik in Höxter, einem Unternehmen mit Schwerpunkt auf zeitwirtschaftlichen Softwarelösungen. 2009, nach rund 22 Jahren Unternehmensführung verkaufte er die Firma an die in Wiesbaden ansässige P&I AG.
Der Verkauf erfolgte trotz wirtschaftlich stabiler Lage und voller Auftragsbücher. Gronemeyer begründete diesen Schritt unter anderem mit zunehmender Unzufriedenheit über wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen in Deutschland sowie einer generellen „Müdigkeit“ gegenüber politischen Entwicklungen.
Die Gronemeyer Datentechnik zählte mit knapp 300 Kunden zu den größeren unabhängigen Anbietern in der Branche für Zeitwirtschaftssysteme. Im Zuge der Übernahme wurde der Standort Höxter gesichert, alle Mitarbeitenden übernommen und ein zweijähriger Kündigungsschutz vereinbart. Auch die Unternehmensbezeichnung sollte zunächst erhalten bleiben.
Gronemeyer blieb nach dem Verkauf noch für eine Übergangszeit als Berater tätig. Der Käufer P&I AG erweiterte durch die Übernahme seine Kompetenzen im Bereich Zeitwirtschaft und sicherte sich das Kernprodukt APG 2000, eine plattformunabhängige Standardsoftwarelösung.
Besonders wichtig war Gronemeyer der Erhalt des Standorts sowie der Belegschaft, die er als hochqualifiziert und zentral für den Unternehmenserfolg beschreibt.