Wort zum Sonntag: Jesus hätte nach dem Lohn gefragt [Kolumne]

Alexander Bieseke

Bad Driburg. Am kommenden Sonntag, dem 26. Juli startet die evangelische Kirchengemeinde Bad Driburg – Altenbeken mit ihren Sommergottesdiensten an besonderen Orten.

Der erste Gottesdienst, der um 10.30 Uhr beginnt findet bei der INTEG in Bad Driburg statt, allerdings nicht wie auf den Plakaten angegeben im Groppendiek, sondern Diekbrede 7 in Bad Driburg. Der Gottesdienstort ist im Gebäude und barrierefrei zu erreichen. Parkplätze sind reichlich vorhanden.



Was würde Jesus den Werkstattleitungen sagen?

„Kirche woanders“ – so lautet das Motto des Gottesdienstes bei der INTEG in Bad Driburg. Ich begrüße diese Entscheidung. Denn Jesus ging nie den einfachen Weg. Er ging zu den Menschen. Zu den Kranken, den Armen, den Ausgegrenzten und zu denen, die keine Stimme hatten.

„Wir müssen raus ins Leben; da, wo es laut ist; da, wo es brodelt; da, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt. Wir müssen dahin, wo es anstrengend ist. Weil nur da, wo es anstrengend ist, da ist das Leben“.

Siegmar Gabriel – Dresden 2009


Das dürfte gerade auch für Kirchen gelten. Aber wenn Kirche dorthin geht, darf sie nicht nur die Gebäude segnen. Sie muss auch die unbequemen Fragen stellen.

Menschen mit Behinderungen leisten in Werkstätten täglich wertvolle Arbeit und etlichen stinkt die Entlohnung. Sie fühlen sich ausgebeutet obwohl sie Bauteile für die Industrie fertigen, Qualitätskontrollen übernehmen, Produkte montieren und sehr oft nach denselben hohen Standards arbeiten, die auch in der freien Wirtschaft gelten. Viele Werkstätten sind hochmoderne Produktionsbetriebe und arbeiten für namhafte Unternehmen, so auch die INTEG.

Und dennoch erhalten die Beschäftigten keinen gesetzlichen Mindestlohn. Das durchschnittliche Werkstattentgelt liegt bundesweit bei rund 233 Euro im Monat. Wer Vollzeit arbeitet, muss häufig zusätzlich Grundsicherung beziehen.

Das ist gesetzlich zulässig. Aber entspricht es auch dem Geist des Evangeliums?

Die Verantwortlichen der Werkstätten verweisen zu Recht darauf, dass sie an gesetzliche Vorgaben gebunden sind. Sie allein können das System nicht ändern. Gleichzeitig tragen sie aber eine moralische Verantwortung. Wer sich auf das christliche Menschenbild beruft, sollte sich nicht damit zufriedengeben, lediglich die bestehenden Regeln zu verwalten. Er sollte sich für deren Verbesserung einsetzen.

Heilung des Blinden von El Greco 1567 – Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Jesus machte unmissverständlich deutlich, dass jeder Mensch die gleiche Würde besitzt. Er berührte Aussätzige (Markus 1,40–42), heilte Kranke (Matthäus 9,35), gab Blinden ihr Augenlicht (Markus 10,46–52) und stellte die Schwachen in die Mitte. Über sich selbst sagte er: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40).w


Jesus stellte sich immer auf die Seite der Schwächeren. Er fragte nicht, was wirtschaftlich am bequemsten war, sondern was dem Menschen diente. Er erinnerte die Mächtigen daran, dass Verantwortung nicht mit dem Hinweis auf Gesetze endet.

Vielleicht wäre genau das die Botschaft dieses Gottesdienstes: Nicht Dankbarkeit dafür, dass Menschen mit Behinderungen überhaupt arbeiten dürfen. Sondern die Erkenntnis, dass ihre Arbeit denselben Respekt verdient wie jede andere Arbeit.

Kirche hat die Aufgabe, den Finger in die Wunde zu legen. Sie darf nicht schweigen, wenn Menschen trotz ihrer Leistung dauerhaft auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Sie sollte Werkstätten, Unternehmen und Politik gemeinsam fragen: Wann wird aus Teilhabe endlich auch wirtschaftliche Gerechtigkeit?

Denn die Würde des Menschen ist unteilbar. Und sie endet nicht an der Werkbank.

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