Alexander Bieseke
Bad Driburg. Es klingt nach Aufbruch und echter Mitsprache: Bürgermeister Tobias Tölle tourt derzeit durch die Grund- und weiterführenden Schulen im Stadtgebiet, um für ein neues Gremium zu werben – einen geplanten Kinder- und Jugendbeirat. (BDiB berichtete) Junge Menschen sollen ihre Perspektiven einbringen, Verantwortung übernehmen und ihre Heimatstadt aktiv mitgestalten. Doch wie passt die Initiative zur Realität von Jugendlichen im Stadtbild?
Hintergrund der Pressemitteilung der Stadt:
Ziel des geplanten Gremiums sei es laut Bildungsdezernent Uwe Damer, Vorschläge zur Verbesserung der Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen zu erarbeiten und sie gegenüber Politik und Verwaltung zu vertreten. Themen wie Freizeitangebote, Mobilität, Bildung oder Raumgestaltung sollen beraten werden. Im November befasst sich der Ausschuss für Soziales, Familien, Jugend und Senioren mit dem Thema.
Schritt in die richtige Richtung – mit Schattenseiten
Diese Initiative ist grundsätzlich ohne Frage zu begrüßen. Es ist ein wertvolles Signal, wenn die Stadtspitze das persönliche Gespräch mit Schülerinnen und Schülern sucht, Hürden abbaut und ihnen eine Stimme geben möchte. Wer jedoch den Alltag von Jugendlichen in Bad Driburg betrachtet, kommt nicht umhin, die Ankündigungen mit einer gesunden Portion Skepsis zu hinterfragen.
Fairerweise muss betont werden, dass Bad Driburg in den vergangenen Jahren keineswegs untätig war: Insbesondere im Bereich der Spiel- und Abenteuerspielplätze wurden massive Investitionen getätigt. Viele Anlagen wurden mit erheblichem finanziellem Aufwand erneuert, modernisiert und attraktiv gestaltet. Hier wurde gezielt Geld in die Hand genommen, um Familien mit kleineren Kindern ansprechende Räume zu bieten.
Verlagerung nach außen und Verödung der Innenstadt
Mit zunehmendem Alter der Kinder offenbart sich jedoch ein strukturelles Problem: Sämtliche neuen Einrichtungen und Freizeitmöglichkeiten verlagern sich immer weiter an den Stadtrand oder in die Ortsteile, während die Bad Driburger Innenstadt zusehends verödet.
Für Jugendliche gibt es im Zentrum schlichtweg keinen Raum mehr. Seit Jahrzehnten existieren keine Discos, Jugendclubs oder vergleichbaren Versammlungsorte innerhalb der Stadt. Zudem fehlt seit Jahren eine zentrale, verlässliche Jugendeinrichtung, in der sich junge Menschen wetterunabhängig und ohne Konsumzwang treffen können.
Zäune und Uhrzeitverbote statt Begegnungsräumen
Statt Begegnungsräume zu schaffen, setzte die Kommunalpolitik zuletzt vor allem auf Reglementierung im öffentlichen Raum:
- Sperrung am Stadtgarten: Der Bereich am Mühlrad an der Dringenberger Straße wurde eingezäunt und ist ab 20:00 Uhr komplett gesperrt und verriegelt.
- Nutzungsverbot an der „Oase“: Die beliebte Sitzgruppe an der “Hellweg-Oase” (früher beganden sich dort zwei Wellnessbänke) darf ab 22:00 Uhr nicht mehr genutzt werden.
Beispiel Iburg-Stadion: Aussperrung statt Alternativen
Wie sich diese Haltung im Alltag niederschlägt, zeigt sich auch am Iburg-Stadion. Die Sportstätte wurde mit erheblichen Steuermitteln errichtet beziehungsweise saniert und sollte eigentlich allen Bürgerinnen und Bürgern – insbesondere Kindern und Jugendlichen – für sportliche Aktivitäten offenstehen. Die Realität sieht anders aus: Das Stadion wird regelmäßig abgeschlossen und steht fast ausschließlich Vereinen zur Verfügung.
Als Begründung muss auch hier das Argument des Vandalismus herhalten. Statt nach intelligenten Alternativen, Aufsichtskonzepten oder offenen Freigabezeiten zu suchen, greift die Stadtverwaltung einmal mehr zur unkomplizierten, aber ungemütlichen Variante: dem Schloss am Tor. Gerade im Sportbereich wird Kindern und Jugendlichen damit die Möglichkeit genommen, sich außerhalb von festen Vereinsstrukturen ungezwungen zu bewegen und zu treffen.
Wenn die wenigen verbliebenen Treffpunkte im öffentlichen Raum systematisch durch Zäune, Verbotsschilder und zeitliche Schranken entzogen werden, wirkt der Aufruf zur „aktiven Mitgestaltung“ für viele Jugendliche wie Ironie. Wenn Treffen am Abend pauschal unerwünscht sind, ohne dass vertretbare Alternativen geboten werden, entsteht zwangsläufig der Eindruck, dass Jugend im Stadtbild primär als Störfaktor wahrgenommen wird.
Kommentar: Taten müssen den Worten folgen
Ein Kinder- und Jugendbeirat kann ein mächtiges Werkzeug sein – vorausgesetzt, er verkommt nicht zum reinen Alibi-Gremium für die Kommunalpolitik.
In Anbetracht der ohnehin knappen städtischen Kassen bleibt abzuwarten, welche finanziellen Mittel und wie viel echter politischer Wille am Ende tatsächlich für die konkreten Anliegen der Jugendlichen bereitgestellt werden. Ein Beirat, der zwar Anträge formulieren darf, während gleichzeitig der öffentliche Raum für die Jugend weiter verengt wird, wird wenig verändern.
Damit die Initiative von Bürgermeister Tobias Tölle glaubwürdig bleibt, muss der geplante Beirat von Beginn an ernst genommen und mit echten Handlungsspielräumen ausgestattet werden. Die ersten Prüfsteine liegen auf dem Tisch: Die Überprüfung repressiver Schließzeiten, das Schaffen von zentralen Aufenthaltsräumen in der Innenstadt und reale Investitionen in Angebote für Teenager. Erst dann dürfte aus dem Versprechen auf dem Papier eine echte Beteiligung im Alltag werden.
Titelbild: Das Pressefoto zeigt den Bürgermeister gemeinsam mit der elfjährigen Sophia bei einer Kinder- und Familienveranstaltung vor dem Rathaus.