Abwarten und Tee trinken? Bitte nicht bei der Pflege [Kolumne]

Ein kleines Teehaus zum Geburtstag – und ein ziemlich großes Thema

Heute bin ich ein glückliches Geburtstagskind.

Die AWO hat mir ein kleines Geschenk überreicht: ein Teehaus. Eine wirklich schöne Aufmerksamkeit, über die ich mich ausdrücklich gefreut habe.

Und wie das mit Geschenken manchmal so ist: Man freut sich nicht nur darüber, sondern kommt auch ins Nachdenken.

Ein Teehaus.

Da passt doch eigentlich ein alter Spruch ganz hervorragend:

Abwarten und Tee trinken.

Nur beim Thema Pflege sollten wir vielleicht besser nicht zu lange abwarten und Tee trinken.

Denn die Pflege in Deutschland steht vor gewaltigen Herausforderungen. Und wenn jetzt über eine neue Reform gesprochen wird, dann geht es nicht nur um Paragraphen, Budgets und Einsparungen.

Es geht um Menschen.

Mehr als 100 Jahre Arbeiterwohlfahrt

Die Arbeiterwohlfahrt entstand 1919 auf Initiative von Marie Juchacz. Die Grundidee war, Menschen in Not nicht einfach mit Almosen abzuspeisen, sondern ihnen durch Solidarität, Selbsthilfe und soziale Unterstützung ein selbstbestimmteres Leben zu ermöglichen.

Mehr als 100 Jahre später ist daraus ein großer Wohlfahrtsverband mit zahlreichen sozialen Diensten und Einrichtungen geworden.

Auch in Bad Driburg ist die AWO Teil dieser sozialen Infrastruktur.

Und damit sind wir mitten in einem Thema, das uns irgendwann fast alle betreffen kann:

Pflege.

Wer hält unser Pflegesystem eigentlich am Laufen?

Natürlich sind Pflegefachkräfte unverzichtbar.

Natürlich brauchen wir ambulante Pflegedienste.

Natürlich brauchen wir stationäre Einrichtungen.

Aber das ist eben nur ein Teil der Wahrheit.

Ein mindestens ebenso wichtiger Teil findet in den Wohnungen und Häusern der Menschen statt.

Dort pflegen Ehepartner ihre Partner.

Kinder ihre Eltern.

Geschwister ihre Geschwister.

Freunde helfen Freunden.

Nachbarn unterstützen Nachbarn.

Und genau diese Menschen halten unser Pflegesystem zu einem erheblichen Teil mit am Laufen. Etwa 86 Prozent aller Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause versorgt.

Sie tun das nicht, weil es besonders bequem ist.

Sie tun es, weil es ein Angehöriger, ein Freund oder ein Mensch aus der Nachbarschaft ist.

Und jetzt soll reformiert werden

Dass die Pflegeversicherung finanziell vor großen Problemen steht, bestreitet kaum jemand. Deshalb ist eine Reform grundsätzlich nachvollziehbar.

Aber eine Reform sollte nicht allein daran gemessen werden, wie viel Geld sie einsparen kann.

Sie muss sich daran messen lassen, ob die Versorgung danach tatsächlich funktioniert.

Und genau hier bekomme ich Bauchschmerzen.

Denn was nützt die schönste neue Struktur auf dem Papier, wenn diejenigen fehlen, die sie in der Realität umsetzen sollen?

Was nützt „ambulant vor stationär“, wenn ambulante Dienste schon heute an ihre Belastungsgrenzen kommen?

Was nützt die Entlastung pflegender Angehöriger, wenn die notwendige Ersatzpflege nicht verfügbar ist?

Und was bringt ein neues Budget, wenn am Ende niemand da ist, der die Leistung erbringen kann? Zudem dürfte sie dem Beitragszahler künftig noch mehr belasten.

Verhinderungspflege ist kein Luxus

Besonders wichtig finde ich dabei die Verhinderungspflege.

Denn pflegende Angehörige sind keine Maschinen.

Auch sie müssen einmal zum Arzt.

Auch sie müssen selbst krank werden dürfen.

Sie brauchen Urlaub.

Sie brauchen Erholung.

Manchmal müssen sie einfach für ein paar Stunden oder Tage aus ihrer Pflegeverantwortung herauskommen.

Genau dafür ist Ersatzpflege wichtig.

Seit Juli 2025 sind Verhinderungs- und Kurzzeitpflege bereits in einem gemeinsamen Jahresbetrag zusammengeführt worden. Das sollte eigentlich mehr Flexibilität schaffen.

Nun wird erneut über eine grundlegende Neuordnung diskutiert.

Im Raum steht ein neues System von Budgets und Unterstützungsleistungen. Die Bundesregierung will damit Leistungen vereinfachen und Angehörige stärker unterstützen.

Das klingt zunächst gut.

Aber entscheidend ist nicht, was auf dem Papier steht.

Entscheidend ist:

Wer kommt tatsächlich, wenn die pflegende Person ausfällt?

Eine Rechnung ohne Menschen geht nicht auf

Und genau hier sehe ich ein Problem.

Wenn ein bestehendes System verändert wird, muss die Alternative bereits funktionieren.

Nicht irgendwann.

Nicht vielleicht.

Nicht nach einer Übergangsphase, in der Familien sehen müssen, wie sie zurechtkommen.

Jetzt!

Denn professionelle Pflegedienste sind vielerorts bereits stark beansprucht. Pflegepersonal ist knapp. Angehörige übernehmen deshalb Aufgaben, die sonst kaum zu bewältigen wären und das nachvolziehbarerweise wesentlich günstiger für den Beitragszahler.

Wenn man ihnen Möglichkeiten nimmt oder die Nutzung von Ersatzpflege komplizierter macht, ohne gleichzeitig ausreichend neue Kapazitäten zu schaffen, dann ist das keine Entlastung.

Dann wird die Last lediglich verschoben.

Und zwar auf diejenigen, die ohnehin schon viel tragen.

Erst die Alternative schaffen – dann das Alte verändern

Ich glaube deshalb, dass für jede Reform ein ziemlich einfacher Grundsatz gelten sollte:

Ein funktionierendes System sollte man erst dann grundlegend verändern, wenn die Alternative tatsächlich vorhanden ist.

Nicht auf dem Papier.

Nicht in einem Gesetzesentwurf.

Sondern in der Realität.

Wenn heute eine Tochter ihre Mutter mit Unterstützung eines ambulanten Dienstes und einer vertrauten Ersatzpflegeperson zu Hause versorgen kann, dann darf eine Reform dieses fragile Gleichgewicht nicht zerstören, solange keine mindestens gleichwertige Alternative existiert.

Denn Pflege lässt sich nicht beliebig umorganisieren.

Menschen sind keine Aktenzeichen.

Und ein Pflegebedürftiger kann nicht einfach sagen:

„Dann warten wir eben drei Wochen, bis irgendwo ein Dienst einen Termin frei hat.“

Ambulant vor stationär – aber bitte nicht nur als Schlagwort

Ich bin überzeugt, dass der Wunsch vieler Menschen, möglichst lange in den eigenen vier Wänden zu leben, ernst genommen werden muss.

„Ambulant vor stationär“ darf deshalb kein politisches Schlagwort bleiben.

Dann brauchen wir auch die Infrastruktur dafür:

ambulante Pflegedienste,

ausreichend Personal,

Tages- und Kurzzeitpflege,

barrierefreien Wohnraum,

Unterstützung für Angehörige,

verlässliche Ersatzpflege

und ein Umfeld, in dem Nachbarschaft und Ehrenamt ihren Platz behalten.

Denn der Wunsch, zu Hause zu bleiben, endet nicht an der Wohnungstür.

Er braucht ein ganzes Netzwerk.

Das Heim ist nicht die Lösung für alles

Dabei möchte ich ausdrücklich niemandem die stationäre Pflege schlechtreden.

Für manche Menschen ist ein Pflegeheim die richtige und notwendige Lösung.

Dort gibt es professionelle Betreuung, Sicherheit und Unterstützung rund um die Uhr.

Aber ebenso wahr ist:

Viele Menschen möchten dort gar nicht hin.

Sie möchten zu Hause bleiben.

In ihrer vertrauten Umgebung.

Bei ihren persönlichen Dingen.

In ihrer Nachbarschaft.

Bei den Menschen, die sie kennen.

Wenn wir diesen Wunsch ernst nehmen, müssen wir dafür sorgen, dass häusliche Pflege auch tatsächlich möglich bleibt.

Und zwar nicht nur für diejenigen, die eine große Familie hinter sich haben.

Vielleicht müssen wir wieder mehr aufeinander achten

Vielleicht liegt ein Teil der Lösung deshalb auch außerhalb der Pflegeversicherung.

In der Nachbarschaft.

Bei Freunden.

Im Ehrenamt.

In der Familie.

Nicht als Ersatz für professionelle Pflege.

Das wäre falsch.

Sondern als Ergänzung.

Ein Nachbar, der einkauft.

Eine Freundin, die zum Arzt fährt.

Ein Angehöriger, der einige Stunden übernimmt.

Ein Ehrenamtlicher, der Gesellschaft leistet.

Das sind kleine Hilfen.

Aber viele kleine Hilfen ergeben ein großes Netz.

Und genau dieses Netz dürfen wir nicht kaputtorganisieren.

Zurück zum Teehaus

Und so sitze ich nun da, schaue auf mein kleines Teehaus und denke:

Eigentlich ist „Abwarten und Tee trinken“ ein ganz netter Spruch.

Beim Geburtstag darf man das ruhig einmal.

Bei der Pflege eher nicht.

Denn die Menschen, die heute ihre Angehörigen pflegen, können nicht warten.

Die Pflegekräfte können nicht warten.

Die ambulanten Dienste können nicht warten.

Und diejenigen, die pflegebedürftig sind, schon gar nicht.

Deshalb wünsche ich mir eine Pflegereform, die nicht zuerst fragt:

„Wo können wir etwas wegnehmen?“

Sondern:

„Was brauchen wir, damit Pflege auch morgen noch funktioniert?“

Und wenn darauf eine überzeugende Antwort gefunden ist, können wir uns meinetwegen anschließend hinsetzen.

Mit einer Tasse Tee.

Und vielleicht sogar mit einem Stück Kuchen.

Aber bis dahin sollten wir besser nicht abwarten.

Denn Pflege braucht keine großen Versprechen. Pflege braucht Menschen, Zeit und verlässliche Strukturen.

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