Bloß nicht das Denken abschaffen! [Kolumne]

Von Taschenrechnern, Smartphones, künstlicher Intelligenz – und der Frage, wer eigentlich wen beherrscht

Alexander Bieseke

Ich bin Jahrgang 1968. Deshalb erinnere ich mich noch an eine Zeit, in der Digitalisierung nicht auf dem Stundenplan stand, sondern allenfalls in Science-Fiction-Filmen vorkam.

Dann kam irgendwann der Taschenrechner.

In den 1970er- und 1980er-Jahren hielt er Einzug in unseren Schulalltag. Was heute völlig selbstverständlich ist, war damals beinahe eine kleine technische Revolution und oftmals noch unvezahlbar. Und natürlich gab es Diskussionen darüber, ob Schülerinnen und Schüler dadurch überhaupt noch richtig rechnen lernen würden.

Bei bestimmten Mathematikaufgaben war der Taschenrechner zunächst schlicht verboten.

Heute ist er aus dem Schulalltag kaum noch wegzudenken.

Warum erzähle ich das?

Weil wir bei der künstlichen Intelligenz gerade an einem ähnlichen Punkt stehen – nur diesmal geht es um sehr viel mehr als ums Rechnen.

KI kann Texte schreiben, Aufgaben lösen, Zusammenhänge erklären, übersetzen, programmieren und Informationen sortieren. Sie kann uns Arbeit abnehmen und manchmal erstaunlich gute Ergebnisse liefern.

Aber sie kann auch etwas übernehmen, das wir Menschen eigentlich selbst tun sollten:

denken.

Und genau da wird es interessant.

Dänemark zieht beim Smartphone die Konsequenz und macht seine Schulen ab dem Schuljahr 2026/27 grundsätzlich mobilfrei. Smartphones und andere private mobile Geräte sollen weder im Unterricht noch in den Pausen genutzt werden.

Gleichzeitig beschäftigt sich das Land mit dem zunehmenden Einsatz von KI bei schulischen Aufgaben.
Ich halte diese Entwicklung nicht für einen Feldzug gegen Digitalisierung.

Im Gegenteil.

Vielleicht ist es ein Versuch, Digitalisierung wieder auf das zu reduzieren, was sie eigentlich sein sollte:

ein Werkzeug.

Ein Werkzeug soll uns unterstützen. Es soll uns nicht ersetzen.
Ein Taschenrechner hat das Rechnen nicht abgeschafft. Er hat es erleichtert.
Aber bevor man ihn sinnvoll benutzen kann, muss man wissen, was 7 mal 8 bedeutet.

Genauso sollte ein Schüler wissen, wie man einen Gedanken entwickelt, einen Text schreibt, eine Quelle beurteilt und eine mathematische Aufgabe löst, bevor er sich von einer KI dabei unterstützen lässt.

Denn wer nichts weiß, kann auch die Antwort der KI nicht beurteilen.
Und das ist vielleicht die größte Gefahr.

Nicht, dass die künstliche Intelligenz irgendwann alles weiß.

Sondern dass wir irgendwann nichts mehr wissen müssen, weil wir glauben, die Maschine werde es schon richten.

KI kann allerdings auch Bürger stärken

Klicken Sie auf das Bild ⬆️

Interessant wird die Debatte, wenn man die Perspektive wechselt.
Wir reden viel darüber, dass Schüler KI benutzen, um Hausaufgaben zu erledigen.

Aber was ist mit einem Bürger, der einen komplizierten Behördenbescheid erhält?
Sozialrecht, Verwaltungsrecht, Leistungsbescheide – das ist für viele Menschen kaum verständlich. Ein falscher Betrag, eine falsch bewertete Einnahme oder ein nicht berücksichtigter Sachverhalt kann für Betroffene erhebliche Folgen haben.

Und auch Behörden machen Fehler.

Wenn ein Bürger seinen Bescheid deshalb überprüfen lässt und eine KI dabei hilft, einen Widerspruch verständlich und strukturiert zu formulieren, sehe ich darin  kein Problem.

Im Gegenteil.

Ich sehe darin eine neue Möglichkeit, Bürger in die Lage zu versetzen, ihre Rechte besser wahrzunehmen.

Natürlich wird dadurch auch zusätzlicher Aufwand für Behörden entstehen. KI kann schließlich falsche oder übertriebene Widersprüche produzieren.

Aber vielleicht sollten wir bei dieser Diskussion nicht ausschließlich über eine angebliche „Widerspruchsflut“ sprechen.

Wir sollten auch fragen:

Warum widersprechen Menschen überhaupt so häufig?
Wenn Widersprüche erfolgreich sind, lohnt sich der Blick auf beide Seiten.
Vielleicht ist nicht allein die KI das Problem.

Vielleicht sind es manchmal auch komplizierte Bescheide, schwer verständliche Formulierungen oder schlicht menschliche Fehler.

Und wenn KI helfen kann, einen Bürger verständlicher über seine Rechte zu informieren, könnte sie sogar einen Beitrag zu mehr Transparenz leisten.

Warum nicht Bescheide verständlicher formulieren lassen?
Warum nicht Mitarbeiter bei der Prüfung komplizierter Sachverhalte unterstützen?
Warum nicht Fehlerquellen erkennen, bevor ein Bescheid überhaupt beim Bürger landet?

Digitalisierung braucht Grenzen

Vielleicht ist genau das die Lehre aus den vergangenen Jahrzehnten.
Wir haben den Taschenrechner nicht verboten.
Wir haben gelernt, wann man ihn benutzen darf.
Wir haben Computer nicht aus den Schulen verbannt.
Wir haben gelernt, mit ihnen umzugehen.

Und jetzt müssen wir lernen, mit künstlicher Intelligenz umzugehen.

Technik ist dann gut, wenn sie uns Möglichkeiten eröffnet.
Sie wird problematisch, wenn wir uns von ihr abhängig machen.

KI ja. Digitalisierung ja. Aber mit Grenzen.

Denn die entscheidende Kompetenz der Zukunft wird möglicherweise gar nicht sein, die beste künstliche Intelligenz bedienen zu können.
Sondern zu wissen, wann man sie einschaltet – und wann man sie ausschaltet.

Und damit komme ich zu einer kleinen Ironie dieser Kolumne:

Ja, auch diese Kolumne wurde mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt.
Aber die KI hatte nicht die Erinnerung an meine Schulzeit.
Sie hatte nicht die Idee für diese Kolumne.
Sie hat nicht meine persönlichen Erfahrungen gemacht, keine eigenen Rückschlüsse gezogen und keine Haltung entwickelt.

Die Vorgaben, Gedanken, Beispiele und die Richtung kamen vom Verfasser.

Die KI war Werkzeug.

Sie hat geholfen, Gedanken zu ordnen, Formulierungen zu finden und Zusammenhänge herauszuarbeiten.
Und vielleicht ist genau das der richtige Umgang mit künstlicher Intelligenz:

Sie darf helfen. Sie darf unterstützen. Sie darf uns Arbeit abnehmen.
Aber eines sollte sie uns niemals abnehmen:

das eigene Denken.

Bild: KI generiert

Schreibe einen Kommentar