Alexander Bieseke
Heute ist Königsschießen in Bad Driburg. Ein Ritual, das harmlos wirkt, solange man es beim Holzadler belässt.
Doch im politischen Berlin hat man die Metapher längst übernommen – nur dass dort nicht auf Holz gezielt wird, sondern auf Mehrheiten, Stimmungslagen und jene schwer greifbare Größe, die man früher einmal „Vertrauen“ nannte.
Die Bundesregierung hat in diesen Wochen ihre Munition sortiert wie ein Schützenverein vor dem großen Finale: Gesundheitsreform, Pflegereform, Grundsicherung, Rentenreform. Alles wird vorbereitet, alles wird „auf den Weg gebracht“, alles soll – so die Hoffnung – nicht im Sand, sondern im Ziel einschlagen. Ein politisches Dauerfeuer, das weniger nach Präzision als nach Aktivität aussieht.

Markus Söder hat dafür den Kalenderspruch geliefert: „letzte Patrone“. Ein Satz, der sich so gut verkauft, weil er Endgültigkeit suggeriert, ohne Konsequenzen zu erklären. In der politischen Praxis ist die letzte Patrone allerdings selten die letzte – sie ist meist nur die nächste Pressekonferenz.
Denn zwischen Ankündigung und Wirkung liegt in Deutschland kein kurzer Abstand, sondern ein institutionelles Gelände: Ausschüsse, Länderbeteiligungen, Koalitionsarithmetik. Dort verlieren selbst gut gezielte Projekte gelegentlich ihre ballistische Form und werden zu Kompromissen mit wechselnder Flugrichtung.
Und doch verschiebt sich der Fokus bereits weiter: auf den 6. September 2026, auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, auf Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2026 in Halle an der Saale. Dort, so die politische Logik der großen Gesten, muss der Schuss nicht nur abgegeben werden – er muss sitzen. Direkt in die Mitte.


Das ist die eigentliche Verschärfung der Lage: In Berlin wird noch über Kaliber und Zielsysteme diskutiert, in Halle zählt am Ende nur das Ergebnis. Kein Interpretationsspielraum, kein „knapp daneben ist auch Politik“. Ein Treffer ist ein Treffer, alles andere ist Statistik.
Dabei ist die Erwartung fast rituell überhöht: Als könne man politische Prozesse wie Zielscheiben behandeln, auf die man nur entschlossen genug zielen müsse. Doch Wahlen sind keine festen Ziele, sondern bewegliche Bilder. Sie ändern sich, während man noch den Abzug betätigt.
So entsteht ein merkwürdiges Doppelbild: In Berlin die Simulation von Kontrolle, in Halle die Realität der Konsequenz. Dazwischen eine Politik, die hofft, dass aus Absicht Wirkung wird – und aus Wirkung Zustimmung.
Am Ende bleibt der einfache Satz, den man in diesen Tagen fast überhört, weil er zu wenig dramatisch klingt: Ein Schuss muss nicht nur losgehen. Er muss treffen. Und im September 2026 wird man in Halle nicht nach der Eleganz des Abzugs fragen, sondern nach der Lage des Einschlags.
Die AfD muss derzeit nicht einmal selbst schießen. Sie steht am Rand des Schießstandes und hofft darauf, dass die anderen daneben treffen. Bei den aktuellen Umfragen in Sachsen-Anhalt scheint diese Strategie erschreckend erfolgreich zu sein.