Reden statt Reflexe [Kolumne]

Von Alexander Bieseke

Kaum fällt in Deutschland der Name Gerhard Schröder, setzt ein bemerkenswerter Reflex ein. Die Argumente stehen fest, die Empörung ist vorbereitet, die Urteile längst gesprochen.

Dabei geht es inzwischen gar nicht mehr um Gerhard Schröder.

Es geht um die Frage, ob wir überhaupt noch bereit sind, über Gespräche nachzudenken.

In der vergangenen Lanz-Sendung diskutierten der SPD-Außenpolitiker Adis Ahmetovic, der Vorsitzende der Jungen Union Johannes Winkel, die Journalistin Kerstin Münstermann und der Kriegsreporter Ibrahim Naber über die Lage in der Ukraine. Während in Berlin über Reformen gesprochen wird, sterben in der Ukraine weiter Menschen. Jeden Tag.

Jugendliche werden in der Ukraine wehrtüchtig gemacht
Schutzsuche in der Metro
SPD-Außenpolitiker Adis Ahmetovic in Diskussion mit Markus Lanz

Besonders bemerkenswert waren dabei die Schilderungen von Ibrahim Naber. Nicht die politischen Debatten in Deutschland, sondern die Realität des Krieges stand plötzlich im Mittelpunkt. Eine Realität, die sich nicht nach Wunschvorstellungen richtet.

Und genau deshalb stellt sich für mich eine einfache Frage:

Was spricht eigentlich dagegen, dass Gerhard Schröder mit Wladimir Putin spricht?

Bevor jetzt die ersten Schnappatmungen einsetzen: Nein, ich fordere nicht, Schröder zum Friedensnobelpreisträger zu machen. Nein, ich möchte ihn nicht zum offiziellen Unterhändler Europas ernennen. Und nein, ich habe die vergangenen Jahre nicht verschlafen.

Aber wenn Putin selbst seinen alten Freund ins Gespräch bringt, warum sollte man diese Tür nicht wenigstens prüfen?

Die deutsche Debatte wirkt inzwischen manchmal wie ein Ritual. Wer mit Putin spricht, macht sich verdächtig. Wer über Diplomatie spricht, gilt schnell als naiv. Wer auf Verhandlungen hofft, wird behandelt, als habe er die Realität nicht verstanden.

Dabei ist das Gegenteil richtig.

Wer glaubt, dieser Krieg werde ausschließlich militärisch entschieden, ignoriert die Geschichte. Jeder Krieg endet irgendwann am Verhandlungstisch. Die einzige Frage lautet, wie viele Menschen auf beiden Seiten im übrigen bis dahin noch sterben müssen.

JU-Vorsotzender Johannes Winkel

Bemerkenswert fand ich die Haltung von Johannes Winkel. Der Vorsitzende der Jungen Union erklärte Putins Signale seien, so wörtlich, abstrus und nicht ernst zu nehmen. Das kann man so sehen.

Man kann aber auch fragen, woher diese Gewissheit kommt.

Wer Gespräche bereits ablehnt, bevor sie stattfinden, wird niemals erfahren, ob sie eine Chance gehabt hätten.

Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten daran gewöhnt, außenpolitische Verantwortung an den großen Bruder jenseits des Atlantiks auszulagern. Diese Zeit geht erkennbar zu Ende. Europa wird eigene Antworten finden müssen.

Dazu gehört auch die Fähigkeit, mit Gegnern zu reden. Nicht mit Freunden.
Mit Gegnern! Mit Freunden muss man schließlich nicht grundsätzlich verhandeln.

In diesem Fall kämen zwei Freunde zusammen!

Ich bin für eine starke Bundeswehr. Ich bin für eine wehrhafte Demokratie. Und ich bin für eine starke europäische Verteidigung.

Aber ich bin ebenso dafür, jede Möglichkeit auszuloten, die das Töten beenden könnte.

Vielleicht kommt dabei tatsächlich der Helmut Schmidt in mir durch. Wegen ihm bin ich Sozialdemokrat. Der wusste aus eigener Erfahrung, was Krieg bedeutet. Und er wusste auch, dass moralische Selbstgewissheit noch keinen einzigen Konflikt beendet hat.

Am Ende bleibt für mich deshalb nur eine Frage:

Was genau haben wir eigentlich zu verlieren, wenn zwei alte Männer miteinander reden?

Denn eines steht fest:

Mit Empörung allein wird kein Frieden geschlossen.

Titelbild: Ein solches bilaterales Vortasten wäre wünschenswert.  Bild: KI generiert.


Infobox

🇺🇦 Ukrainer im Kreis Höxter

📍 Größte ausländische Bevölkerungsgruppe im Kreis Höxter

Ukrainische Staatsangehörige stellen mit 19,7 % die größte Gruppe der nichtdeutschen Bevölkerung im Kreis Höxter dar. Damit liegt ihr Anteil deutlich über dem NRW-Durchschnitt von 8,5 %.

Insgesamt haben 15,8 % der Einwohnerinnen und Einwohner im Kreis Höxter eine Einwanderungsgeschichte. Der Anteil der Nichtdeutschen liegt bei 9,0 %.

Die starke Zuwanderung seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine hat die Bevölkerungsentwicklung im Kreis spürbar beeinflusst. Im Jahr 2024 verzeichnete der Kreis bei den Nichtdeutschen einen positiven Wanderungssaldo von +549 Personen.

Unter den neu eingebürgerten Menschen im Kreis Höxter gehörten Personen aus der Ukraine ebenfalls zu den häufigsten Herkunftsgruppen.

Die Integration erfolgt vor allem über Schulen, Kitas, Sprachförderung, Arbeitsmarktprogramme sowie die Angebote des Kommunalen Integrationszentrums des Kreises Höxter.


Einordnung:
Kaum eine andere Zuwanderungsgruppe hat die Integrationsarbeit im Kreis Höxter in den vergangenen Jahren so stark geprägt wie die Geflüchteten aus der Ukraine. Sie stellen heute die größte ausländische Bevölkerungsgruppe im Kreis dar.

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