Zwischen Kreuz und Kürzungspolitik [Kolumne]

Alexander Bieseke

Es ist ein Bild, das hängen bleibt.
Ein freundlich lächelnder CDU-Landtagskandidat vor türkisfarbenem Hintergrund. Darüber groß das Wort „Vatertag“. Deutlich kleiner darunter: „und ein gesegnetes Christi Himmelfahrt“. Daneben ein auffahrender Christus im Himmel. Werte, die tragen?

Quelle: philipp_frahmke_cdu_nrw
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Ein Wahlplakat irgendwo zwischen Glaubenssymbolik, Familienmarketing und politischer Markenpflege.

Und genau dort beginnt der Widerspruch.

Denn während die CDU sich gern auf das „C“ in ihrem Namen beruft, erleben viele Menschen derzeit eine Politik, die mit christlicher Barmherzigkeit nur noch schwer in Einklang zu bringen ist. Besonders jene, die ohnehin kaum Kraft haben, sich zu wehren: Pflegebedürftige, pflegende Angehörige, Alleinerziehende, Menschen mit geringem Einkommen.

Gerade Alleinerziehende wissen, was politische Entscheidungen im Alltag bedeuten. Wenn Unterhaltsvorschüsse infrage gestellt oder soziale Leistungen gekürzt werden, trifft das nicht abstrakte Zahlenkolonnen – sondern Kinder. Wenn in der Pflege immer stärker gerechnet wird, geraten nicht nur Pflegekassen unter Druck, sondern Familien, die seit Jahren an ihrer Belastungsgrenze leben.

Und dann wirbt dieselbe Partei mit Christus.

“Christi Himmelfahrt”, eine fast zu übersehende Randnotitz
Quelle: CDU Erkelenz

Mit jenem Christus, dessen Botschaft nie lautete: „Die Schwachen sind zu faul.“ Sondern vielmehr: Kümmert euch um die Menschen, die Hilfe brauchen. Helft denen, die am Boden liegen.

Gerade deshalb wirkten Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz über angebliche „Faulheit“ in Teilen der Gesellschaft auf viele Menschen wie ein Schlag ins Gesicht. Wer täglich Angehörige pflegt, mehrere Jobs gleichzeitig stemmt oder als Alleinerziehende versucht, irgendwie über die Runden zu kommen, empfindet solche Pauschalurteile schnell als herablassend und realitätsfern.

Die Geschichte vom barmherzigen Samariter ist deshalb so unbequem, weil sie bis heute jede Gesellschaft prüft. Der Priester und der Levit – also die angesehenen, religiösen Männer – gehen vorbei. Sie sehen den Verletzten, aber sie handeln nicht. Ausgerechnet der Fremde hilft. Der gesellschaftlich Verachtete zeigt Menschlichkeit.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Aktualität dieser Erzählung.

Denn christliche Werte erschöpfen sich nicht in Feiertagsgrüßen mit Bibelzitaten. Sie zeigen sich darin, wie Politik mit den Schwächsten umgeht. Wer christliche Symbolik nutzt, muss sich auch daran messen lassen.

Besonders bemerkenswert ist dabei die Gestaltung des Plakats selbst. „Vatertag“ steht groß und dominant im Mittelpunkt, „Christi Himmelfahrt“ wirkt fast wie ein dekorativer Zusatz. Inhaltlich mag das durchaus den gesellschaftlichen Zeitgeist spiegeln. Für viele Menschen ist der Tag längst eher Bollerwagen-Event als kirchlicher Feiertag.

Doch genau darin steckt eine unbeabsichtigte Ehrlichkeit: Das Religiöse wird zur Kulisse. Das Spirituelle zur Markenästhetik.

Und vielleicht erklärt das auch die Szene auf dem Katholikentag im bayrischen Würzburg gestern, als Friedrich Merz log und von Teilen des Publikums massiv ausgebuht wurde. Viele Christen empfanden offenbar eine wachsende Diskrepanz zwischen christlicher Sprache und politischer Realität.

Friedrich Merz auf dem Katholikentag in Würzburg
Quelle: ZDF

Interessant war dabei der Moment, in dem Merz sichtbar zurückruderte und versöhnlichere Töne anschlug. Vielleicht wurde ihm selbst bewusst, dass man mit pauschalen Vorwürfen über „Faulheit“ keine gesellschaftliche Mitte erreicht – jedenfalls nicht jene Wählerinnen und Wähler, die Respekt, Empathie und Glaubwürdigkeit erwarten.

Denn wer Nächstenliebe predigt, gleichzeitig aber soziale Härten verschärft, muss sich Fragen gefallen lassen.

Das bedeutet nicht, dass Politik keine schwierigen Entscheidungen treffen darf. Natürlich steht der Sozialstaat unter Druck. Natürlich kosten Pflege, Unterstützung und gesellschaftlicher Zusammenhalt Geld. Aber gerade dann zeigt sich, welche Werte wirklich tragen – und welche nur noch Wahlkampfrhetorik sind.

Das „C“ in CDU ist kein geschütztes Markenzeichen. Es ist ein Anspruch.

Und Ansprüche wirken nur glaubwürdig, wenn Worte und Handeln erkennbar zusammenpassen.

Titelbild: Instagram Philipp Frahmke philipp_frahmke_cdu_nrw https://www.instagram.com/p/DYT8S1pgDB4/?igsh=d2pjd3RzMzBudzdp

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