Manchmal entsteht ein politischer Text dort, wo man ihn am wenigsten erwartet: mitten auf der Straße.
Alexander Bieseke
Ein Mann sitzt auf seinem Fahrrad, ein Mikrofon wird ihm hingehalten, ein paar Worte werden gewechselt – und plötzlich wird ein Gedicht hörbar. Kein sorgfältig vorbereitetes Statement, keine politische Pressemitteilung, sondern ein spontaner Gedanke über Flucht, Migration, Pflegekräftemangel, Konsum, globale Ungleichheit und Europas Grenzen. Der Journalist Hans-Albert Koehle von der Ostfriesenzeitung hat es spontan in Hamburg festgehalten.
Ein Satz bleibt dabei besonders hängen: „Das Mittelmeer ist wie leer gefegt.“
Leer?
Nein. Vielleicht sind nur unsere Blicke leer geworden.
Denn das Mittelmeer ist nicht einfach eine blaue Fläche zwischen Europa und Afrika. Es ist für viele Menschen eine Grenze zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Für die einen ist es Urlaub, Kreuzfahrt, Sonne und Freiheit. Für andere ist es die gefährlichste Etappe einer Flucht, bei der niemand weiß, ob das andere Ufer jemals erreicht wird.
Und genau hier beginnt die unbequeme Frage: Wie passt unser europäischer Wohlstand mit unserem Umgang mit Menschen zusammen, die vor Krieg, Armut oder Perspektivlosigkeit fliehen?
Wir sprechen über fehlende Pflegekräfte und werben Menschen aus Ländern wie Marokko an, damit sie bei uns die Lücken im Gesundheitssystem schließen. Wir freuen uns über Fachkräfte, die hier ihre Zukunft aufbauen. Gleichzeitig diskutieren wir darüber, wie Europa seine Außengrenzen möglichst wirksam abschotten kann.
Das ist kein einfacher Widerspruch, den man mit einem politischen Schlagwort auflösen kann.
Natürlich braucht ein Staat Regeln. Natürlich kann nicht jeder Mensch ohne Voraussetzungen nach Europa kommen. Natürlich müssen Migration und Integration organisiert werden.
Aber Regeln entbinden uns nicht von Menschlichkeit.
Gerade dann nicht, wenn wir uns selbst gern auf christliche Werte berufen.
Barmherzigkeit ist schließlich kein Wert, der nur dann gilt, wenn sie bequem ist.
Vielleicht ist genau das die Stärke dieses spontanen Gedichts: Es liefert keine fertige politische Lösung. Es zwingt uns vielmehr, die eigene Komfortzone zu verlassen.
Dazu passt auch die Erinnerung an Alan Kurdi, das dreijährige syrische Flüchtlingskind, dessen Leichnam 2015 an einem türkischen Strand gefunden wurde. Das Foto seines leblosen Körpers ging um die Welt. Ein Bild, das Millionen Menschen nicht mehr wegsehen ließ.
Die Fotografin Nilüfer Demir sagte sinngemäß, das Einzige, was sie für das Kind noch tun konnte, sei gewesen, seinen verstummten Körper sichtbar und hörbar zu machen.
Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe von Bildern, Gedichten und Journalismus: sichtbar zu machen, was wir im Alltag allzu leicht ausblenden.
Denn hinter jeder Zahl in einer Migrationsstatistik steht ein Mensch. Hinter jedem Boot eine Geschichte. Hinter jeder Flucht eine Hoffnung. Und hinter jedem ertrunkenen Menschen eine Familie, für die die Welt nicht mehr dieselbe ist.
Es wäre zu einfach, daraus eine Geschichte von „den Guten“ und „den Bösen“ zu machen. Migration ist kompliziert. Die politischen Antworten darauf sind es ebenfalls.
Aber eines sollte nicht kompliziert sein: die Erkenntnis, dass Menschenleben nicht an einer Außengrenze ihren Wert verlieren.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber diskutieren, wie wir das Mittelmeer aus unseren Nachrichten verschwinden lassen.
Und häufiger darüber, warum wir es überhaupt geschafft haben, so zu tun, als wäre es leer.
Denn das Mittelmeer ist nicht leer.
Es ist voll von Geschichten, die wir nicht hören wollen.
Und manchmal braucht es nur ein paar spontane Reime, damit wir wieder anfangen zuzuhören.
Und plötzlich ist das Thema ganz nah
Auch in Bad Driburg ist diese Geschichte längst keine abstrakte Diskussion über Migration und Flucht. Menschen aus afrikanischen Ländern gehören inzwischen zu unserer Stadtgesellschaft. Zwei von ihnen aus Marokko werden demnächst eine Ausbildung zur Altenpflegerin in einem Bad Driburger Seniorenheim beginnen. Sie kommen zu uns, um hier zu lernen, zu arbeiten und sich eine Zukunft aufzubauen – und zugleich werden sie gebraucht. Gerade darin zeigt sich die ganze Widersprüchlichkeit unserer Debatte: Während Europa über seine Außengrenzen und Migration diskutiert, entstehen Integration und Zusammenleben oft ganz unspektakulär vor unserer eigenen Haustür – im Pflegeheim, am Arbeitsplatz und mitten in unserer Nachbarschaft.