Was feiern wir eigentlich?

36 Jahre deutsche Einheit – zwischen historischem Glück, politischem Streit und der Frage, ob wir wirklich zusammengewachsen sind

Eine Kolumne von Alexander Bieseke zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2026

Morgen ist Feiertag.

Der Tag der Deutschen Einheit.

Fahnen werden wehen, Reden werden gehalten, Bühnen aufgebaut, Politiker werden von Zusammenhalt sprechen. In Bremen, wo in diesem Jahr die zentralen Feierlichkeiten stattfinden, lautet das Motto: „Viele Stärken – ein Land“.

Und natürlich gibt es einen gewaltigen Grund zu feiern.

Am 3. Oktober 1990 wurde die staatliche Einheit Deutschlands nach mehr als vier Jahrzehnten der Teilung wiederhergestellt. Der Einigungsvertrag trat in Kraft, die DDR trat der Bundesrepublik bei. Ein historischer Vorgang, der 1989 noch kaum vorstellbar schien.

Doch 36 Jahre später stellt sich eine andere Frage.

Eine unbequeme Frage.

Was genau feiern wir morgen eigentlich?

Die Tatsache, dass Deutschland wieder ein Staat ist?

Die friedliche Revolution von 1989?

Den Mut der Menschen in Ostdeutschland?

Den Fall der Mauer?

Die Freiheit?

Oder feiern wir die Vorstellung, dass aus zwei deutschen Gesellschaften längst eine geworden ist?

Denn genau bei diesem letzten Punkt wird es schwierig.


Eine persönliche Erinnerung

Ich war 1989, als sich die deutsche Wiedervereinigung anbahnte, 21 Jahre alt. Ich habe diese Zeit nicht aus Geschichtsbüchern erlebt, sondern unmittelbar hier in der Region. Ich erinnere mich noch heute an die langen Schlangen von Trabant-Fahrzeugen, die über die B 64 aus Richtung Osten nach Westen fuhren. Dieses Bild hat sich eingeprägt: Menschen, die plötzlich die Möglichkeit hatten, ihre bisherige Grenze zu überwinden und den Westen Deutschlands zu erleben.

Auch in Bad Driburg war diese Veränderung sichtbar. Auf dem Gebrauchtwagenstellplatz eines großen Autohauses standen zeitweise ganze Reihen von Trabants. Es waren so viele, dass selbst auf dem Dach des Autohauses ein Trabi seine Runden drehte – ein skurriles, aber zugleich eindrucksvolles Bild dieser außergewöhnlichen Zeit.

Für mich gehört genau diese Erinnerung zum 3. Oktober. Hinter Begriffen wie „Wiedervereinigung“, „Einigungsvertrag“ und „staatliche Einheit“ standen Menschen, ihre Hoffnungen und eine Freiheit, die plötzlich greifbar wurde. 36 Jahre später lohnt es sich deshalb, sich daran zu erinnern, was damals erreicht wurde – und zugleich ehrlich danach zu fragen, was aus diesem Gefühl der Gemeinsamkeit geworden ist.



Staatlich vereint – gesellschaftlich angekommen?

Deutschland ist seit 36 Jahren wieder ein Land.

Das ist Fakt.

Aber ist Deutschland auch eine Gesellschaft, die sich als gemeinsames Ganzes versteht?

Eine aktuelle #NDRfragt/#MDRfragt-Erhebung zeichnet ein ernüchterndes Bild: 60 Prozent der Befragten in dieser Befragung sind der Meinung, dass Ost- und Westdeutschland seit der Wiedervereinigung noch nicht zu einer Nation zusammengewachsen seien.

Das ist keine Kleinigkeit.

Natürlich ist eine solche Befragung nicht mit einer repräsentativen Volksabstimmung gleichzusetzen. Aber sie zeigt eine Stimmung, die man nicht einfach wegreden sollte.

Und sie führt zu einer Frage, die gerade am Tag der Deutschen Einheit erlaubt sein muss:

Wenn sich Menschen 36 Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer nicht als wirklich zusammengewachsen erleben – was ist dann schiefgelaufen?



Die Einheit ist gelungen. Und gleichzeitig nicht vollendet.

Vielleicht liegt die Wahrheit genau dazwischen.

Die deutsche Einheit ist zweifellos eine historische Erfolgsgeschichte.

Die Mauer ist verschwunden.

Menschen können sich frei bewegen.

Familien wurden wieder zusammengeführt.

Millionen Menschen erhielten politische, persönliche und wirtschaftliche Freiheiten, die ihnen in der DDR verwehrt waren.

Die Bundesrepublik ist heute ein demokratischer Gesamtstaat.

Straßen, Schienen, Städte und Gemeinden in Ostdeutschland wurden massiv modernisiert.

Und auch wirtschaftlich hat sich sehr viel verändert.

Wer behauptet, im Osten habe sich seit 1990 nichts entwickelt, ignoriert die Realität.

Aber wer behauptet, die Unterschiede seien längst verschwunden, ebenso.



Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte

Das Statistische Bundesamt zeigt beispielsweise, dass sich die Einkommen deutlich angenähert haben.

Das mittlere Nettoäquivalenzeinkommen lag 2024 in den ostdeutschen Ländern und Berlin bei knapp 25.900 Euro, im Westen bei gut 28.100 Euro. Die Lücke ist also erheblich kleiner als früher, aber sie ist nicht verschwunden.

Noch deutlicher wird der Unterschied beim Vermögen.

Hier liegen Ost und West wesentlich weiter auseinander.

Nach aktuellen Analysen betrug das durchschnittliche Nettovermögen privater Haushalte 2023 im Osten einschließlich Berlin etwa 125.500 Euro, im früheren Westdeutschland dagegen rund 257.100 Euro.

Mehr als doppelt so viel.

Das ist keine Befindlichkeit.

Das ist eine ökonomische Realität.

Und sie wirkt über Generationen.



Das Erbe der Geschichte

Vermögen entsteht nicht innerhalb einer Generation.

Wer über Jahrzehnte ein Haus besitzt, Grundstücke erbt, Unternehmen aufbaut oder Kapital anlegt, kann Vermögen weitergeben.

In Ostdeutschland war genau diese Entwicklung nach 1990 unter völlig anderen Voraussetzungen möglich.

Die DDR hatte private Vermögensbildung in vielen Bereichen massiv eingeschränkt.

Die wirtschaftliche Transformation nach der Wiedervereinigung war für Millionen Menschen mit Arbeitsplatzverlust, Betriebsstilllegungen und tiefgreifenden Veränderungen verbunden.

Viele Menschen mussten erleben, dass das, was sie jahrzehntelang gelernt und gearbeitet hatten, plötzlich wirtschaftlich kaum noch gefragt war.

Andere haben enorme Chancen erhalten.

Beides gehört zur Wahrheit.



Eine Einheit der unterschiedlichen Erfahrungen

Vielleicht liegt genau hier ein Teil des Problems.

Westdeutsche und Ostdeutsche haben die Wiedervereinigung nicht zwangsläufig aus derselben Perspektive erlebt.

Für viele Westdeutsche bedeutete sie vor allem:

Endlich ist Deutschland wieder vereint.

Für viele Ostdeutsche bedeutete sie zusätzlich:

Mein bisheriges Leben verändert sich radikal.

Manche gewannen Freiheit.

Manche verloren ihren Arbeitsplatz.

Manche konnten aufsteigen.

Andere fühlten sich beruflich und gesellschaftlich abgehängt.

Manche empfanden die Bundesrepublik als Befreiung.

Andere erlebten die Transformation als Entwertung ihrer bisherigen Lebensleistung.

Es wäre falsch, daraus eine einzige ostdeutsche Erfahrung zu machen.

Aber ebenso falsch wäre es, diese unterschiedlichen Erfahrungen einfach für erledigt zu erklären.



Und heute?

Heute sind wir längst eine Generation weiter.

Menschen, die 1990 geboren wurden, sind inzwischen 36 Jahre alt.

Für sie ist die DDR Geschichte.

Die Mauer ist für sie ein historisches Bauwerk oder ein Stück Erinnerungskultur.

Sie kennen die deutsche Teilung nicht aus eigenem Erleben.

Und trotzdem existieren Ost und West in Statistiken, politischen Debatten und gesellschaftlichen Wahrnehmungen weiter.

Warum?

Weil Geschichte nicht automatisch verschwindet, nur weil ein Kalenderblatt 36 Jahre weitergeblättert wurde.



Der neue Streit verläuft nicht nur zwischen Ost und West

Und hier wird es noch interessanter.

Die deutsche Einheit steht heute möglicherweise vor einer anderen Belastungsprobe als in den 1990er-Jahren.

Damals ging es um die Angleichung zweier Systeme.

Heute geht es um die Frage:

Wie viel Streit hält eine demokratische Gesellschaft aus, ohne ihren inneren Zusammenhalt zu verlieren?

Wir streiten über Migration.

Über Energie.

Über Landwirtschaft.

Über Sozialleistungen.

Über Renten.

Über Pflege.

Über Steuern.

Über Waffenlieferungen.

Über die Bundeswehr.

Über Klima.

Über die EU.

Über Stadt und Land.

Über Ost und West.

Über Regierung und Opposition.

Über öffentlich-rechtliche Medien.

Über die Frage, wem man überhaupt noch glaubt.

Und nicht selten wird aus politischer Auseinandersetzung persönliche Verachtung.



Der Ton wird härter

Das ist vielleicht die größere Gefahr für die Einheit.

Nicht, dass ein Mensch in Sachsen anders wählt als ein Mensch in Nordrhein-Westfalen.

Nicht, dass Bayern andere politische Prioritäten hat als Mecklenburg-Vorpommern.

Nicht, dass eine Kommune anders denkt als Berlin.

Demokratie lebt vom Unterschied.

Problematisch wird es dort, wo aus dem politischen Gegner ein Feind wird.

Wo Menschen nicht mehr miteinander diskutieren, sondern sich gegenseitig die Legitimität absprechen.

Wo jeder glaubt, nur die eigene Seite vertrete „das Volk“.

Wo Kompromissfähigkeit als Schwäche gilt.

Und wo die gemeinsame Grundlage verloren geht:

Wir leben trotz aller Unterschiede in demselben demokratischen Staat.



Eine Einheit besteht nicht darin, dass alle dasselbe denken

Das wird am Tag der Deutschen Einheit leicht vergessen.

Einheit bedeutet nicht Gleichförmigkeit.

Einheit bedeutet nicht, dass alle dieselbe Partei wählen.

Einheit bedeutet nicht, dass Bayern genauso denken muss wie Thüringen.

Einheit bedeutet nicht, dass Berlin und Bad Driburg dieselben Probleme haben.

Und Einheit bedeutet schon gar nicht, dass politische Auseinandersetzungen verschwinden müssen.

Im Gegenteil.

Eine lebendige Demokratie braucht Streit.

Aber sie braucht Streit innerhalb eines gemeinsamen demokratischen Rahmens.




Was ist dann wirklich gefährlich?

Vielleicht nicht der Streit selbst.

Sondern die zunehmende Unfähigkeit, den anderen noch als Teil derselben Gesellschaft zu betrachten.

Wenn der Nachbar plötzlich nur noch „links“ oder „rechts“ ist.

Wenn der andere nur noch „Ossi“ oder „Wessi“ ist.

Wenn jemand mit einer anderen Meinung automatisch als dumm, böse oder verrückt abgestempelt wird.

Dann wird aus Vielfalt Spaltung.

Und aus Spaltung kann irgendwann Entfremdung werden.



Deutschland hat sich viel geleistet – und viel geleistet bekommen

Vielleicht sollten wir morgen deshalb zwei Dinge gleichzeitig tun.

Wir sollten feiern.

Und wir sollten nachdenken.

Feiern über einen historischen Glücksfall:

Eine Revolution, die weitgehend friedlich verlief.

Eine Mauer, die fiel.

Ein Land, das wieder zusammenkam.

Menschen, die Freiheit gewannen.

Familien, die wieder zueinander fanden.

Eine politische Teilung, die überwunden wurde.

Aber wir sollten auch nachdenken über das, was nicht gelungen ist.

Über Vermögensunterschiede.

Über unterschiedliche wirtschaftliche Strukturen.

Über demografische Unterschiede.

Über regionale Benachteiligungen.

Über das Gefühl mancher Menschen, nicht wirklich gehört zu werden.

Und über eine politische Kultur, in der der Ton zunehmend schärfer wird.



Vielleicht ist die Einheit kein abgeschlossener Zustand

Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis.

Die deutsche Einheit war kein Ereignis, das am 3. Oktober 1990 abgeschlossen wurde.

Der 3. Oktober war der rechtliche und staatliche Vollzug.

Das Zusammenwachsen ist eine Aufgabe.

Eine Aufgabe für jede Generation.

Und deshalb kann man 2026 durchaus sagen:

Deutschland ist vereint. Aber Deutschland ist noch nicht fertig mit seiner Einheit.

Vielleicht wird es das auch niemals sein.

Denn jede Gesellschaft verändert sich.

Neue Konflikte entstehen.

Neue Regionen fühlen sich abgehängt.

Neue Generationen haben andere Vorstellungen.

Neue soziale Bruchlinien entstehen.

Eine demokratische Einheit muss deshalb immer wieder neu ausgehandelt werden.



Was haben wir morgen also zu feiern?

Vielleicht mehr, als wir manchmal glauben.

Aber auch etwas anderes, als wir manchmal behaupten.

Wir feiern nicht, dass alle Probleme gelöst sind.

Wir feiern nicht, dass Ost und West in jeder Hinsicht gleich geworden sind.

Wir feiern nicht, dass es keine gesellschaftlichen Gräben mehr gibt.

Wir feiern vielmehr, dass ein historisch geteilter Staat seine Einheit friedlich und demokratisch wiedererlangt hat.

Wir feiern die Freiheit.

Wir feiern die Möglichkeit, über Politik zu streiten.

Wir feiern die Möglichkeit, eine Regierung abzuwählen.

Wir feiern offene Grenzen innerhalb eines geeinten Landes.

Wir feiern, dass Menschen selbst entscheiden können, wo sie leben, arbeiten und ihr Leben gestalten wollen.

Und vielleicht sollten wir morgen auch eines feiern, das heute fast selbstverständlich wirkt:

Dass wir überhaupt darüber streiten dürfen, wie dieses Land aussehen soll.



Vom „Wir sind ein Volk“ zum „Wir bleiben ein Volk“

1989 riefen Menschen:

„Wir sind ein Volk!“

Heute könnte daraus eine andere Aufgabe geworden sein:

Wir bleiben ein Volk – trotz allem, was uns trennt.

Denn die deutsche Einheit wird nicht daran scheitern, dass Menschen unterschiedlich denken.

Sie könnte dort unter Druck geraten, wo Menschen anfangen, einander nicht mehr als Teil desselben Landes zu akzeptieren.

Darum ist der 3. Oktober vielleicht gerade heute wichtiger denn je.

Nicht als rückwärtsgewandtes Fest.

Sondern als Erinnerung daran, dass Demokratie, Freiheit und Zusammenhalt keine Selbstverständlichkeiten sind.


Das wäre ein Grund zum Feiern.

Und zugleich ein Auftrag.


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