Driburger Freibadfans verabschieden den Sommer – doch für Menschen mit Behinderung bleibt das Freibad weiter verschlossen
Alexander Bieseke
Bad Driburg. War es das wirklich schon mit dem Sommer? Der harte Kern der Driburger Freibadfans wollte das am ersten Septemberwochenende noch nicht so recht glauben. Doch wenn die Schwimmmeister Lutz Egeling und Christoph Böddeker zum traditionellen „Abschwimmen“ mit Grillwürstchen und kühlen Getränken einladen, lässt sich das Ende der Freibadsaison kaum noch verdrängen.
Mehr als 60 besonders treue Freunde des Driburger Freizeitbades waren diesmal dabei – so viele wie noch nie. Bei herrlichem Spätsommerwetter wurde gemeinsam auf die vergangenen drei Freibadmonate zurückgeblickt. Ein wenig Wehmut gehörte dazu, vor allem aber gute Laune und die Freude über eine Gemeinschaft, die ihr Freibad offensichtlich ins Herz geschlossen hat, so eine Pressemitteilung von Ute & Dirk Kreienmeier, die sich mit dieser Mitteilung sich bedanken möchten.
Auch das Bäderteam bekam an diesem Abend viel Lob.
„Ob bei Regenschauern oder brütender Hitze – Sie waren für uns Badegäste immer da“, brachte Dauerkarteninhaberin Ute Kreienmeier den Dank des „harten Kerns“ in ihrer Ansprache auf den Punkt.
Und tatsächlich: Für die Beschäftigten war die Saison alles andere als langweilig. An besonders heißen Tagen mit Temperaturen von bis zu 34 Grad kamen mehr als 1.500 Badegäste ins Freizeitbad. Dann waren Aufmerksamkeit, Organisation und ein wachsames Auge gefragt.

Bild: privat
Unterstützt wurden die hauptamtlichen Bäderfachkräfte dabei von einem Helferpool mit bis zu zehn Personen. Von der Kasse bis zur Unterstützung bei der Beckenaufsicht wurde mit angepackt, damit der Betrieb auch an turbulenten Tagen funktionieren konnte.
Und dann gab es die anderen Tage.
Während viele bei Regen lieber zu Hause blieben, freuten sich die unerschütterlichen Hardcore-Schwimmer über beinahe paradiesische Verhältnisse: freie Bahn auf 50 Metern, viel Platz im Becken und kein Gedränge am Beckenrand.
Der Blick geht bereits Richtung 2027
Beim Abschwimmen wurde allerdings nicht nur zurückgeblickt. Der neue Vorsitzende des Fördervereins Freizeitbäder Kernstadt Bad Driburg e.V., Frank Kanbach, bedankte sich beim gesamten Bäderteam und ließ zugleich erkennen, dass für die kommende Saison bereits die eine oder andere Idee in der Schublade liegt.
„Unsere Anlage mit ihrer 50-Meter-Bahn und den zahlreichen Attraktionen darf sich ganz sicher als eine der ersten Adressen unter den Schwimmbädern im Kreis Höxter fühlen“, zeigte sich Kanbach überzeugt.
Das kann man durchaus so sehen. Die 50-Meter-Bahn ist ein Pfund, mit dem das Driburger Freizeitbad wuchern kann. Auch die Besucherzahlen und die Treue vieler Badegäste sprechen für die Bedeutung der Anlage.
Doch zu einem ehrlichen Blick auf das Freibad gehört auch die Frage, für wen dieses Angebot tatsächlich zugänglich ist.
Für manche endet die Freibadsaison nicht im September
Denn während die Freibadfreunde beim Abschwimmen bereits wieder an den nächsten Sommer denken, gibt es Menschen in Bad Driburg, für die die Freibadsaison gar nicht erst begonnen hat.
Menschen mit erheblichen Mobilitätseinschränkungen können das Freizeitbad bis heute nicht so nutzen, wie es für andere selbstverständlich ist. Es fehlt unter anderem an einem geeigneten barrierefreien Zugang zu einer rollstuhlgerechten Toilette und an einer entsprechend ausgestatteten Nasszelle zum Duschen.
Auch bei den Umkleidemöglichkeiten bestehen erhebliche Defizite. Haltegriffe fehlen, es gibt nicht ausreichend Möglichkeiten, Kleidung sicher aufzuhängen, und eine geeignete Liege- beziehungsweise Transferfläche fehlt ebenfalls.
Für jemanden, der selbstständig stehen, gehen oder sich auf einer normalen Bank umziehen kann, mögen solche Dinge nebensächlich erscheinen. Für einen Menschen im Rollstuhl entscheiden sie jedoch darüber, ob ein Freibadbesuch überhaupt möglich ist.
Und dabei geht es nicht ausschließlich um Freizeitvergnügen.
Für Menschen mit körperlichen Einschränkungen kann Bewegung im Wasser von erheblicher gesundheitlicher Bedeutung sein. Wasser ermöglicht Bewegungen, die an Land teilweise nur schwer oder gar nicht möglich sind. Schwimmen kann deshalb Sport, Hobby, Gesundheitsvorsorge und Lebensqualität zugleich sein.
Wer dieses Angebot aufgrund baulicher Barrieren nicht nutzen kann, wird faktisch von einem Teil des öffentlichen Lebens ausgeschlossen.
Anderswo längst möglich
Besonders schwer wiegt das, weil andere Freibäder in der Region inzwischen zeigen, dass mehr möglich ist.
Dort gibt es rollstuhlgerechte Sanitär- und Umkleidemöglichkeiten und teilweise auch technische Hilfen, beispielsweise Hublifte, mit denen Menschen, die nicht selbstständig ins Wasser gelangen können, ins Becken gehoben werden.
Es geht also nicht um eine theoretische Forderung nach einer perfekten Welt.
Es geht um Lösungen, die andernorts längst funktionieren.
Umso berechtigter ist die Frage, warum Menschen mit Behinderung in Bad Driburg weiterhin auf eine solche Teilhabe verzichten müssen.
Hinweise und Anfragen aus dem Kreis Betroffener und aus dem Umfeld des Fördervereins gibt es nach eigener Darstellung bereits seit Jahren. Eine grundlegende Verbesserung der Situation ist bislang jedoch nicht erkennbar.
Dabei sollte die Kritik ausdrücklich nicht den Schwimmmeistern oder dem Bäderteam gelten. Die Beschäftigten können nur mit den räumlichen und technischen Voraussetzungen arbeiten, die ihnen zur Verfügung gestellt werden.
Die Verantwortung für die Weiterentwicklung der Anlage liegt an anderer Stelle – bei Politik, Verwaltung und denjenigen, die über Investitionen und die Zukunft des Freizeitbades entscheiden.
Gerade Bad Driburg sollte genauer hinschauen
Und damit kommt eine besondere Dimension hinzu.
Bad Driburg versteht sich als Kur-, Gesundheits- und Rehabilitationsstandort.
Gerade deshalb ist es schwer nachvollziehbar, wenn Menschen mit Behinderung ausgerechnet bei einem Bewegungsangebot wie dem Freibad vor erheblichen Barrieren stehen.
Ein Gesundheitsstandort sollte nicht nur über Gesundheit, Rehabilitation und Lebensqualität sprechen. Er sollte diese Werte auch dort sichtbar machen, wo Menschen tatsächlich leben.
Ein Freibad ist dabei mehr als eine 50-Meter-Bahn, ein Sprungturm oder eine Liegewiese. Es ist ein öffentlicher Ort der Bewegung, Begegnung und Teilhabe.
Der nächste Sommer sollte anders beginnen
Die Freibadfreunde haben beim Abschwimmen bereits den Countdown für 2027 gestartet.
Das ist schön.
Aber vielleicht sollte Bad Driburg für den kommenden Sommer noch einen zweiten Countdown starten: den Countdown für mehr Barrierefreiheit.
Denn Teilhabe darf nicht dort enden, wo ein Rollstuhl beginnt.
Ein Freibad in einem Kur-, Gesundheits- und Rehabilitationsstandort darf kein Ort sein, an dem Menschen mit Behinderungen draußen bleiben müssen. Wer schwimmen möchte oder aus gesundheitlichen Gründen auf Bewegung im Wasser angewiesen ist, darf nicht seit Jahren auf eine Lösung vertröstet werden, während andernorts längst gezeigt wird, dass Barrierefreiheit machbar ist.
Für 2027 sollte deshalb nicht nur der Termin für das nächste „Abschwimmen“ feststehen. Es braucht endlich einen verbindlichen Plan für ein Freibad, das tatsächlich allen offensteht. Nicht irgendwann. Nicht nur auf dem Papier. Sondern so, dass Menschen im Rollstuhl am Becken ankommen, sich selbstbestimmt umkleiden, duschen, die Toilette nutzen und – wenn nötig mit einem Hublift – tatsächlich ins Wasser gelangen können.
Alles andere passt nicht zum Anspruch Bad Driburgs als Gesundheitsstandort – und schon gar nicht zu dem Anspruch, ein Freibad für alle zu betreiben.
Und vielleicht gibt es dann beim Abschwimmen 2027 nicht nur Würstchen und Wehmut, sondern auch einen Grund zum Feiern:
Dass das Driburger Freibad endlich wirklich für alle da ist.
Titelbild: Der harte Schwimmerkern dankt beim Abschwimmen seinen städtischen „Frontleuten“:
(vlnr.:) Kassiererin Ina Trommer, Schwimmmeister Christoph Böddeker, Bäder-Fachangestellter René Böddeker, Förderverein-Dreigestirn Fank Kanbach, Dr. Heinz-Jörg Wiegand u. Fred Müller, Schwimmmeister Lutz Egeling.
Bild: privat