Polizei im Kreis Höxter braucht landesweit am längsten

Bei dringenden Einsätzen mit mutmaßlichem Täter vor Ort vergehen durchschnittlich 9 Minuten und 8 Sekunden – auch bei allgemeinen Einsätzen liegt der Kreis am Ende des NRW-Vergleichs

Alexander Bieseke

Kreis Höxter/Bad Driburg. Wenn Bürger die Polizei benötigen, kann jede Minute entscheidend sein. Wie schnell die Einsatzkräfte nach einem Notruf am Einsatzort eintreffen, unterscheidet sich in Nordrhein-Westfalen allerdings erheblich. Eine aktuelle Auswertung des NRW-Innenministeriums zeigt: Im Kreis Höxter dauert es im landesweiten Vergleich besonders lange. Das gilt sowohl für Einsätze, bei denen ein mutmaßlicher Täter noch vor Ort ist, als auch für allgemeine Polizeieinsätze.

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„Natürlich ist es auch immer das Spiel mit dem Glück, wo ist gerade ein Streifenwagen und wo ist ein Tatort.“
Thorsten Scheen, Sprecher Polizei Olpe (Quelle WDR)

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) berichtete am 7. Oktober 2026 über die Zahlen aus einem Bericht des Innenministeriums an den Landtag. Grundlage ist eine Auswertung der polizeilichen Einsatzreaktionszeiten in den 47 Kreispolizeibehörden und Polizeipräsidien des Landes. Die Zahlen für 2026 beziehen sich auf den Zeitraum von Januar bis August.)

Bei dringenden Einsätzen mehr als neun Minuten

Besonders auffällig sind die Werte für Einsätze, bei denen davon ausgegangen wird, dass der mutmaßliche Täter noch am Einsatzort ist. Hier wird eine schnelle Reaktion der Polizei als besonders wichtig angesehen.

Im Kreis Höxter betrug die durchschnittliche Einsatzreaktionszeit in dieser Kategorie von Januar bis August 2026 9 Minuten und 8 Sekunden. Damit lag die Kreispolizeibehörde im landesweiten Vergleich auf dem letzten Platz.

Zum Vergleich: Im Kreis Olpe traf die Polizei bei solchen Einsätzen durchschnittlich nach 3 Minuten und 13 Sekunden ein. Im Oberbergischen Kreis waren es 3 Minuten und 35 Sekunden, in Krefeld 3 Minuten und 34 Sekunden. In Köln lag der Wert bei 4 Minuten und 13 Sekunden, in Bielefeld bei genau 5 Minuten.

Auch andere ländlich geprägte Kreise lagen deutlich unter dem Wert des Kreises Höxter. Im Kreis Borken wurden 6 Minuten und 13 Sekunden, im Kreis Düren 6 Minuten und 42 Sekunden gemessen. Im benachbarten Kreis Paderborn waren es 6 Minuten und 5 Sekunden.

Die Zahlen zeigen: Lange Anfahrtswege auf dem Land können die Reaktionszeit beeinflussen. Sie erklären aber nicht automatisch jeden Unterschied zwischen den Polizeibehörden. Auch die jeweilige Einsatzsituation, die Zahl der Einsätze und der zufällige Standort eines verfügbaren Streifenwagens spielen eine Rolle.

Auch bei allgemeinen Einsätzen Schlusslicht

Die Werte für 2026 umfassen nur Januar bis August.

Das Bild fällt bei den allgemeinen polizeilichen Einsätzen ähnlich aus. Hier werden die durchschnittlichen Reaktionszeiten für die von außen veranlassten Einsätze insgesamt betrachtet – also nicht ausschließlich Fälle, in denen ein mutmaßlicher Täter noch vor Ort ist.

Für den Kreis Höxter weist die Statistik im Zeitraum Januar bis August 2026 einen Durchschnitt von 18 Minuten und 15 Sekunden aus. Auch damit liegt die Kreispolizeibehörde landesweit am Ende des Vergleichs. Nur der Kreis Viersen lag mit 18 Minuten und 20 Sekunden noch darüber.

Im Kreis Paderborn betrug die durchschnittliche Reaktionszeit 15 Minuten. Im Kreis Borken waren es 13 Minuten und 34 Sekunden, im Kreis Olpe 14 Minuten. Beim Polizeipräsidium Krefeld lag der Wert bei 12 Minuten und 41 Sekunden.

Die beiden Zahlenreihen dürfen nicht verwechselt werden: Die 9 Minuten und 8 Sekunden beziehen sich auf die besondere Einsatzkonstellation „Täter am Ort“. Die 18 Minuten und 15 Sekunden betreffen die allgemeinen, in der Statistik berücksichtigten Einsätze. Es handelt sich jeweils um Durchschnittswerte – nicht um eine Garantie, dass die Polizei bei einem einzelnen Notruf innerhalb dieser Zeit eintrifft.

Die Entwicklung seit 2022

Ein Blick auf die vergangenen Jahre zeigt, dass sich die durchschnittliche Reaktionszeit bei allgemeinen Einsätzen im Kreis Höxter nur wenig verändert hat. Bei den besonders dringenden Einsätzen mit mutmaßlichem Täter vor Ort ist dagegen eine deutliche Verschlechterung zu erkennen.


Bei allgemeinen Einsätzen verbesserte sich der Durchschnitt zwischen 2022 und 2026 um 22 Sekunden. Die Veränderung ist damit vergleichsweise gering.

Anders sieht es bei Einsätzen mit mutmaßlichem Täter vor Ort aus. Nach 5 Minuten und 34 Sekunden im Jahr 2022 sank der Durchschnitt zunächst auf 4 Minuten und 44 Sekunden im Jahr 2023. Danach stieg er auf 6 Minuten und 54 Sekunden im Jahr 2024, 7 Minuten und 19 Sekunden im Jahr 2025 und schließlich auf 9 Minuten und 8 Sekunden in den ersten acht Monaten des Jahres 2026.

Gegenüber 2025 entspricht das einem Anstieg von knapp einem Viertel. Im Vergleich zu 2023 beträgt die Differenz 4 Minuten und 24 Sekunden.

Diese Entwicklung verdient Aufmerksamkeit. Sie belegt allerdings für sich genommen nicht, dass weniger Polizeibeamte im Dienst sind oder dass eine bestimmte organisatorische Entscheidung die Ursache ist. Dafür wären zusätzliche Daten erforderlich.

Polizei verweist auf ländliche Struktur und Erreichbarkeit

Gegenüber dem WDR verwies die Kreispolizeibehörde Höxter auf die besonderen Bedingungen im Kreisgebiet. Anders als in vielen anderen Regionen Nordrhein-Westfalens gibt es im Kreis Höxter keine Autobahnen. Zudem seien kleinere Orte teilweise schwieriger zu erreichen. Die längeren Anfahrtszeiten seien deshalb nur eingeschränkt mit denen anderer Polizeibehörden vergleichbar.

Auch das Innenministerium nennt mehrere Faktoren, die die Reaktionszeiten beeinflussen können: das Einsatzaufkommen und dessen zeitliche Verteilung, die räumlichen und straßenbaulichen Gegebenheiten, Verkehrs- und Witterungsverhältnisse sowie die Verfügbarkeit von Streifenwagenbesatzungen. Eine günstigere Positionierung der Fahrzeuge, GPS-gestützte Weg-Zeit-Berechnungen und angepasste Dienstpläne könnten sich positiv auswirken.

Das Ministerium weist außerdem darauf hin, dass die Polizei Einsätze nach ihrer Dringlichkeit disponiert. Ziel sei, besonders dringliche Fälle ohne vermeidbare Zeitverluste zu bearbeiten. Für die Frage, wie oft ein dringender Einsatz nicht sofort disponiert werden konnte, weil kein geeignetes Einsatzmittel verfügbar war, lagen dem Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste laut Bericht allerdings keine Daten vor, die eine belastbare Aussage ermöglichten.

Was bedeutet das für Bad Driburg?

Die landesweite Statistik erfasst die Kreispolizeibehörde Höxter insgesamt. Sie sagt nicht aus, wie lange die Polizei im konkreten Fall in Bad Driburg, Neuenheerse, Reelsen, Dringenberg oder einem anderen Ort des Kreisgebiets benötigt. Auch lässt sich daraus nicht ableiten, wie viele Streifenwagen zu einer bestimmten Tages- oder Nachtzeit in der Nähe eines einzelnen Ortes verfügbar sind.

Für Bad Driburg ist deshalb neben der statistischen Entwicklung auch die Organisation der örtlichen Polizeipräsenz von Bedeutung. Die Polizeiwache ist ein wichtiger Anlaufpunkt. Ist dort kein Beamter unmittelbar vor Ort, können Bürger über eine Gegensprechanlage Kontakt zur rund um die Uhr besetzten Leitstelle aufnehmen. Bei einem erforderlichen Einsatz werden verfügbare Streifenwagen alarmiert.

Ist die Polizeiwache unbesetzt, stellt die Gegensprechanlage den direkten Kontakt zur rund um die Uhr besetzten Leitstelle in Höxter her. Streifenwagen sind im Kreisgebiet mobil unterwegs und können bei Bedarf direkt zum Einsatzort fahren.
Die Polizei setzt damit auf mobile Präsenz im Außendienst, anstatt darauf, dass Beamte in der Wache auf Einsätze warten. Kreispolizeibehörde Höxter


Die Kreispolizeibehörde erläuterte auf Anfrage von Bad Driburg im Blick, dass Streifenwagen möglichst gleichmäßig im Kreisgebiet verteilt werden sollen. Die Beamten sollten nicht ausschließlich in den Wachen auf Einsätze warten, sondern sich im Außendienst befinden und von ihrem jeweiligen Standort aus reagieren können. Die Polizei betrachtet die Verteilung der Fahrzeuge damit kreisweit und nicht allein aus Sicht einer einzelnen Stadt.

Die Behörde machte zugleich deutlich, dass sie aus einsatztaktischen Gründen keine konkreten Angaben zur Zahl der zu bestimmten Zeiten verfügbaren Streifenwagen oder Einsatzkräfte veröffentlicht.

Damit bleibt eine wichtige Frage offen: Wie wirken sich die kreisweite Verteilung der Streifenwagen und die tatsächlichen Entfernungen auf die Reaktionszeiten in den einzelnen Städten und Gemeinden aus? Die veröffentlichten Durchschnittswerte beantworten diese Frage nicht. Sie erlauben auch keinen unmittelbaren Rückschluss darauf, ob eine Wache vor Ort rund um die Uhr besetzt sein müsste, um die Reaktionszeit zu verbessern.

Durchschnittswerte sind kein Maß für jeden einzelnen Notfall

Bei der Bewertung der Zahlen ist außerdem die Zahl der Fälle zu berücksichtigen. Die Kreispolizeibehörde verwies darauf, dass Einsätze der Kategorie „Täter am Ort“ im Kreisgebiet vergleichsweise selten vorkommen. Bei einer geringen Fallzahl können einzelne Einsätze mit ungewöhnlich langen Anfahrtswegen den Durchschnitt stark beeinflussen.

Auch der WDR berichtete über den Hinweis, dass die Werte verschiedener Polizeibehörden nur eingeschränkt vergleichbar seien. Ein einzelner Durchschnittswert beschreibt weder die gesamte Polizeiarbeit noch die Reaktionszeit in jeder denkbaren Einsatzsituation.

Trotzdem bleibt der Befund bemerkenswert: Der Kreis Höxter liegt bei beiden ausgewiesenen Kategorien am unteren Ende des Landesvergleichs. Besonders die Entwicklung bei den dringenden Einsätzen ist auffällig. Ob dahinter vor allem die geografischen Bedingungen, die Einsatzverteilung, die Zahl verfügbarer Fahrzeuge oder weitere organisatorische Faktoren stehen, lässt sich aus der Statistik allein nicht abschließend beantworten.

Innenministerium beobachtet die Entwicklung

Herbert Reuel im Gespräch mit Alexander Bieseke Ende Juli während der Aktion “Coffee with a Cop” in Bad Driburg

Nach Angaben des Innenministeriums werden die Reaktionszeiten im Rahmen der fachlichen Aufsicht betrachtet. Bei auffällig negativen Entwicklungen kann das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste mit der jeweiligen Polizeibehörde ein Fachgespräch führen. Bei weitergehenden Feststellungen kann auch das Innenministerium selbst tätig werden.

Der Bericht zeigt zugleich eine Grenze der vorliegenden Daten: Für den landesweiten Vergleich wurden durchschnittliche Reaktionszeiten ausgewertet. Eine umfassende Auswertung weiterer Kennzahlen wie Median oder 90. Perzentil für alle 47 Polizeibehörden war laut Ministerium in der verfügbaren Zeit nicht möglich. Solche Kennzahlen könnten ergänzend zeigen, wie stark einzelne Einsätze vom Durchschnitt abweichen und wie häufig längere Wartezeiten vorkommen.

Für Bürger im Kreis Höxter bleibt daher entscheidend, nicht nur auf den landesweiten Durchschnitt zu schauen, sondern auch auf die örtliche Versorgung und die tatsächliche Erreichbarkeit der Polizei. Die veröffentlichten Zahlen liefern dafür einen Anlass, weitere Fragen zu stellen. Sie ersetzen jedoch keine detaillierte Auswertung der Reaktionszeiten für einzelne Orte und Einsatzarten.

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