Meinung | Ein Lächeln, zwei Männer und die Frage nach dem Frieden

Alexander Bieseke

Gerhard Schröder trifft seinen langjährigen Freund Wladimir Putin in Moskau und gratuliert ihm zum Geburtstag. Der Kommentar der Rheinischen Post nennt das gemeinsame Lachen „widerlich“. Doch wissen wir überhaupt, was hinter verschlossenen Türen besprochen wurde? Und warum urteilen wir über politische Begegnungen nicht immer nach denselben Maßstäben?

„Dummes Zeug, Herr Drebes!“ So deutlich fiel mein Kommentar auf Facebook zum Beitrag von Jan Drebes, dem stellvertretenden Leiter der Parlamentsredaktion der Rheinischen Post, aus. Seine Überschrift: „Schröder bei Putin: Ein widerliches Lachen zum Geburtstag“.

Zugegeben, meine Worte waren scharf. Aber die Frage, die mich zu dieser Reaktion bewegt hat, bleibt: Ist es wirklich angemessen, das Lachen zweier Menschen auf einem Foto als widerlich zu bezeichnen, ohne zu wissen, was bei ihrer Begegnung tatsächlich besprochen wurde?

Gerhard Schröder und Wladimir Putin verbindet eine jahrzehntelange Männerfreundschaft. Schröder war bei diesem Treffen nicht im Auftrag der Bundesregierung unterwegs, sondern begegnete Putin als privater Freund zu dessen Geburtstag. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu offiziellen diplomatischen Gesprächen. Es wäre falsch, diese unterschiedlichen Rollen einfach gleichzusetzen.

Ebenso falsch wäre es allerdings, Schröders Nähe zu Putin von jeder Kritik auszunehmen. Seine langjährige Verbundenheit mit dem russischen Präsidenten ist angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ein legitimer Gegenstand öffentlicher Debatten. Die Verantwortung für diesen Krieg, die getöteten Zivilisten und das Leid der ukrainischen Bevölkerung dürfen nicht relativiert werden.

Doch damit ist eine andere Frage noch längst nicht beantwortet.

Wissen wir, was hinter den Kulissen zwischen den beiden Männerfreunden gesprochen wurde?

Wissen wir, ob Schröder den Krieg angesprochen hat? Wissen wir, ob es um Möglichkeiten ging, Gesprächskanäle offenzuhalten oder irgendwann einen Weg zu einer Verständigung zu finden? Wissen wir, ob aus diesem Besuch etwas entstehen könnte, das heute noch niemand absehen kann?

Nein, das wissen wir nicht.

Vielleicht war es tatsächlich nur eine private Begegnung ohne jede politische Wirkung. Vielleicht bleibt von diesem Besuch nicht mehr als ein Foto. Aber vielleicht ist auch ein dünner Faden gesponnen worden, auf dem sich irgendwann aufbauen lässt.

Und was, wenn aus diesem dünnen Faden eines Tages ein Weg entsteht, auf dem auch nur eine Menschenseele, ein einziges Menschenleben gerettet werden kann?

Wäre das nicht schon einen Versuch wert?

Ich behaupte nicht, dass Schröder einen geheimen Friedensplan verfolgt. Dafür gibt es keinen Beleg. Ich behaupte auch nicht, dass seine Freundschaft zu Putin automatisch einen Beitrag zur Beendigung des Krieges leisten wird. Aber ich halte es für falsch, eine mögliche Chance auf Verständigung allein aufgrund eines Fotos und eines Lächelns moralisch abzuurteilen.

Helmut Schmidt wird der Satz zugeschrieben: „Besser 100 Stunden umsonst verhandeln, als eine Minute schießen.“


Dieser Gedanke beschreibt für mich den Kern der Sache. Verhandlungen können scheitern. Gespräche können ergebnislos bleiben. Diplomatische Bemühungen können enttäuschen. Doch solange die Möglichkeit besteht, durch Gespräche Gewalt zu begrenzen und Menschenleben zu retten, sollten wir diese Möglichkeit nicht vorschnell verwerfen.

Wer mit einem Machthaber spricht, billigt damit nicht automatisch dessen Politik. Wer einem Präsidenten die Hand reicht, erklärt sich nicht zwangsläufig mit dessen Entscheidungen einverstanden. Und wer bei einer Begegnung lächelt, muss deshalb nicht jedes Handeln seines Gegenübers gutheißen.

Diplomatie ist kein Freundschaftswettbewerb. Sie ist der Versuch, trotz tiefgreifender Gegensätze miteinander im Gespräch zu bleiben.

Natürlich stellt sich auch die Frage nach den Maßstäben, mit denen wir solche Bilder beurteilen.

Auf anderen Fotos sehen wir Bundeskanzler Friedrich Merz gemeinsam mit US-Präsident Donald Trump oder dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Auch deren politische Entscheidungen und ihr Handeln in internationalen Konflikten stehen in der Kritik. Die Bilder werden deshalb aber nicht automatisch als widerlich bezeichnet.

Dabei muss man die Situationen unterscheiden: Merz begegnet diesen Staatslenkern in seiner politischen Funktion, Schröder traf Putin als privater Freund. Das sind unterschiedliche Voraussetzungen. Dennoch bleibt die Frage, warum wir bei manchen Begegnungen vor allem auf den politischen Kontext schauen, während bei anderen ein Lächeln zum moralischen Urteil wird.

Allein ein Foto sagt wenig über die Gespräche, die ihm vorausgingen oder folgten. Es beweist weder Zustimmung noch Widerspruch. Es zeigt einen Augenblick, nicht die ganze Geschichte.

Und genau hier liegt mein Einwand gegen den Kommentar von Jan Drebes.

Der Journalist war nach allem, was öffentlich bekannt ist, bei dem Treffen nicht anwesend. Das ist für sich genommen kein Vorwurf. Journalisten dürfen kommentieren, einordnen und kritisieren, ohne bei jedem Ereignis persönlich dabei gewesen zu sein. Aber auch ein pointierter Kommentar sollte zwischen belegbaren Tatsachen und Vermutungen unterscheiden.

Schröders Motive dürfen hinterfragt werden. Seine wirtschaftlichen Interessen in Russland gehören ebenso auf den Prüfstand wie seine persönliche Nähe zu Putin. Wer behauptet, mit solchen Kontakten einen Beitrag zum Frieden leisten zu können, muss sich letztlich an den Ergebnissen messen lassen.

Doch wir sollten nicht so tun, als wüssten wir bereits, dass ein Gespräch wertlos war, nur weil wir seine Inhalte nicht kennen.

Gerade in einer Zeit, in der Krieg und Gewalt das Leben von Millionen Menschen bestimmen, sollte die Bereitschaft zum Gespräch nicht vorschnell als moralischer Makel gelten. Man muss einen Angriffskrieg entschieden verurteilen und dennoch dafür eintreten, mit dem Verantwortlichen zu reden. Beides schließt sich nicht aus.

Und deshalb bleibt für mich der Gedanke Helmut Schmidts aktueller denn je: Besser 100 Stunden umsonst verhandeln, als eine Minute schießen.

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