Kommt nun der Taurus?
Alexander Bieseke
Wenn auf einen Angriff die nächste Waffe folgt, auf diese Waffe der nächste Gegenschlag und darauf wiederum die nächste Eskalationsstufe – wann reden wir endlich darüber, wie dieser Krieg beendet werden kann?
Der Vatikan zeigt gerade, dass Diplomatie auch dann möglich sein muss, wenn die Fronten verhärtet sind.
Das bedeutet nicht, Putin zu vertrauen.
Es bedeutet nicht, Russland entgegenzukommen.
Und es bedeutet schon gar nicht, die Ukraine aufzugeben.
Es bedeutet, miteinander zu reden.

In den Gewässern des Kattegats sowie den angrenzenden dänischen Meerengen werden regelmäßig russische Kriegsschiffe und U-Boote registriert, die sich auf dem Transit zwischen der Nordsee und der Ostsee befinden. Die Aktivitäten werden von den skandinavischen NATO-Staaten und ihren Alliierten engmaschig überwacht.
Denn genau darin liegt für mich die eigentliche Stärke von Diplomatie: Man spricht auch mit Menschen, deren Politik man ablehnt. Man hält Gesprächskanäle offen, weil man weiß, dass Kriege irgendwann am Verhandlungstisch enden müssen.
Der Vatikan bietet dafür sogar seine guten Dienste an. Die Heilige Stuhl-Diplomatie will ausdrücklich Räume für Gespräche schaffen und betont, dass sowohl Russland als auch die Ukraine und die internationale Gemeinschaft Verantwortung tragen.
Warum sollte das nicht auch ein Vorbild für Europa sein?
Warum diskutieren wir so intensiv über Taurus, neue Sanktionen und weitere Waffen – aber vergleichsweise wenig darüber, welche diplomatische Initiative Deutschland selbst auf den Weg bringen könnte?
Ich wünsche mir eine Bundesregierung, die Stärke und Diplomatie nicht als Gegensätze versteht.
Wir brauchen eine starke Ukraine.
Wir brauchen ein Europa, das sich verteidigen kann.
Aber wir brauchen genauso Politiker, die den Mut haben, Friedensgespräche einzufordern und vorzubereiten.
Vielleicht sollten wir deshalb einmal von einer anderen Perspektive auf die derzeitige Situation schauen.
Nicht immer nur fragen:
„Was können wir noch liefern?“
Sondern auch:
„Was können wir tun, damit irgendwann nicht mehr geschossen werden muss?“
Für mich ist das keine naive Vorstellung.
Es ist Realismus.
Denn egal, wie lange dieser Krieg noch dauert, irgendwann werden Menschen miteinander sprechen müssen.
Warum also nicht jetzt damit beginnen?
Wenn der Vatikan den Weg nach Moskau nicht scheut, um für Frieden und Verhandlungen zu werben, dann sollte auch die Politik den Mut zur Diplomatie nicht verlieren.
Frieden ist keine Schwäche.
Friedensdiplomatie ist kein Einknicken.
Und Verhandlungen sind kein Verrat an der Ukraine.
Im Gegenteil:
Wer Frieden wirklich will, muss auch bereit sein, den Weg dorthin zu gehen.
Und dieser Weg führt irgendwann nicht über das nächste Waffensystem.
Er führt an den Verhandlungstisch.
Titelbild: Erzbischof Paul Richard Gallagher (l), Außenbeauftragter des Vatikans, und der russische Außenminister Sergej Lawrow (Ramil Sitdikov/Pool Reuters via AP/dpa)