Doris Dietrich
Bad Driburg. Informationstafeln geben spannende Einblicke in die Geschichte unserer Stadt. In loser Folge werden sie hier vorgestellt. Jede Station widmet sich einem eigenen Thema. Die Tafeln sind barrierearm. Eine Quizfrage mit Antwort macht den Rundgang informativ.



Station 8 ist ein besonderer Ort: Er erinnert an eine schwere Zeit der Stadtgeschichte. In der Vergangenheit berichtete „Bad Driburg im Blick“ mehrfach über Menschen, ihre Geschichten und Schicksale – z. B. über die Familien Schiff, Uhlmann, Blumenberg und Levy. Erna und Fritz Levy kamen 1942 im Warschauer Ghetto um. Durch einen glücklichen Umstand konnte vor kurzem Kontakt zu ihrem Urenkel Daniel Schwarz in den USA (Bundesstaat Maryland) aufgenommen werden. Er berichtete über Charlotte Summers, geborene Levy, die Tochter von Erna und Fritz Levy. Sie emigrierte 1937 in die USA. Sie blieb ihrer Heimat zeitlebens verbunden und unterstützte die Erinnerung an die jüdischen Bürger der Stadt. 2015 starb sie im hohen Alter von 104 Jahren.
Sie und weitere Juden wurden am 30. März 1942 nach Warschau deportiert. Ihr genaues Todesdatum steht nicht fest
Jedes Jahr im November wird in Bad Driburg der Opfer der Judenverfolgung gedacht. Anlass ist die Reichspogromnacht von 1938. Schülerinnen und Schüler versammeln sich an der Gedenkstele in der Oberen Langen Straße, um an die jüdischen Bürger der Stadt zu erinnern. „Keiner ist vergessen“ – dieses Gedenken mahnt, die Vergangenheit nicht zu verdrängen und Verantwortung für die Zukunft zu tragen. 2025 wurden kleine Steine des Erinnerns mit den Namen der Opfer an die Stele gelegt.
Heute: Station 8 – Judenvernichtung
Die Gedenkstele vor dem Haus Lange Straße 68 erinnert an den ehemaligen Standort des Wohn- und Geschäftshauses der jüdischen Familie Schiff. Von allen jüdischen Familien wohnte Familie Schiff wohl am längsten in Bad Driburg. Moses Schiff wurde am 27.07.1864 in Bad Driburg geboren.
Er war in der Stadt ein bekannter Kaufmann, der mit Fellen, Häuten und Altmaterial handelte. Seine drei Jahre jüngere Frau Philippine führte in dem Haus eine kleine Pension und ein Geschäft, in dem sie Hüte, Putz- und Modewaren verkaufte. In der Pogromnacht 1938 wurden die Fenster der Pension Schiff eingeworfen, Moses Schiff wurde zusammen mit weiteren jüdis chen Männern für einige Zeit festgenommen. Ab 1941 wurden alle in Bad Driburg lebenden Juden im Haus der Familie Schiff zwangseinquartiert. In einem solchen „Judenhaus“ lebten die Menschen unter katastrophalen Wohnverhältnissen auf engstem Raum zusammen und wurden von der Gestapo überwacht.
Durch die „Judenhäuser“ sollte Wohnraum für den „arischen“ Teil der Bevölkerung geschaffen werden. Gleichzeitig erleichterten sie die Organisation der Massenvernichtung der Juden im Nationalsozialismus. Das Haus der Familie Schiff wurde Ausgangspunkt der Deportationen. In der Region um Bad Driburg wurden die Juden über den Bahnhof Bielefeld in Zügen Richtung Osten gebracht. Ihr letztes Hab und Gut wurde ihnen noch am Bahnhof abgenommen.
Die Familie Schiff wurde am 30.03.1942 auseinandergerissen, als die Töchter Paula und Hertha nach Warschau deportiert wurden. Nur wenige Monate später, am 28.07.1942, mussten auch Moses und Philippine Bad Driburg verlassen. Sie wurden in das sogenannte „Altenghetto“ des Konzentrationslagers Theresienstadt im heutigen Tschechien gebracht. Keiner der vier hat die Konzentrationslager überlebt. Einzig der Sohn Rudolf konnte vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs in die USA auswandern und seine Eltern von dort aus bis zu ihrer Deportation unterstützen. Tochter Erna heiratete 1933 den katholischen Glashändler August Böger. Die „Mischehe“ bewahrte sie zunächst vor der Deportation. Erst im Jahr 1944 kam sie doch in das berüchtigte Frauen-Lager Elben bei Kassel. Ihrem Mann gelang es, sie mit einem ärztlichen Attest aus dem Lager zu befreien, nachdem sie zuvor sehr schwer erkrankt war. Bei Eis und Schnee brachte er sie mit einem Schlitten zurück in das 80 Kilometer entfernte Bad Driburg. Bis zum Kriegsende wurde sie von Nachbarn im Keller versteckt.

Das Haus der Familie Schiff wurde im Jahr 1995 abgerissen. Im Jahr 2008 wurde auf Initiative des gemeinnützigen Vereins „Bürgerpunkt“ die Sandsteinstele errichtet. Peter Fabian stiftete 2022 den neuen Wetterschutz für die Gedenkkerze in der Stele.




Yad Vashem – Zentrale Datenbank der Holocaust-Opfer

Titelbild: Infotafel Nr. 8
Fast jeden Freitag ist in Bad Driburg eine Stadtführung, wo auch die Gruppe dieses Denkmal sich anschaut und über den Grund aufgeklärt wird. In der Vergangenheit hat das auch immer Karl Brinkmöller übernommen.