„Betroffene sprechen – Kirche ließ Täter jahrzehntelang unbehelligt“
Alexander Bieseke
Paderborn/Bad Driburg. Eine umfassende historische Untersuchung zu sexualisierter Gewalt im Erzbistum Paderborn ist am Donnerstag an der Universität Paderborn vorgestellt worden. Die Studie „Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn – Eine historische Untersuchung 1941 bis 2002“ untersucht erstmals systematisch den Umgang der Kirche mit Missbrauchsvorwürfen über mehrere Jahrzehnte hinweg.
Die Pressekonferenz eröffnete der Pressesprecher der Universität, Johannes Schnurr. Er begrüßte die anwesenden Medienvertreter und wies mit einer Triggerwarnung darauf hin, dass Inhalte der Präsentation für Betroffene belastend sein könnten. Zudem stellte er den Ablauf der Veranstaltung vor und verwies auf bereitgestellte Medienunterlagen sowie den geplanten Videomitschnitt.



Anschließend richtete der Präsident der Universität, Matthias Bauer, einleitende Worte an die Öffentlichkeit. Er betonte die wissenschaftliche Unabhängigkeit der Untersuchung sowie die besondere Verantwortung beim Umgang mit einem sensiblen Thema. Die Studie sei bewusst von einem unabhängigen Forschungsteam durchgeführt worden, um eine seriöse und transparente Aufarbeitung zu gewährleisten. Bauer dankte den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ebenso wie den Betroffenen, die bereit gewesen seien, ihre Erfahrungen in Interviews zu teilen.
Präsentation der Studienergebnisse

Die zentralen Ergebnisse der Untersuchung stellte anschließend die Historikerin Nicole Priesching vor. Sie erläuterte zunächst den historischen und gesellschaftlichen Kontext der Studie sowie die methodische Vorgehensweise. Die Untersuchung basiert auf umfangreichen Archivmaterialien, kirchlichen Personalakten sowie Interviews mit Betroffenen, Zeitzeugen und ehemaligen Mitarbeitenden des Bistums.
Ein zentrales Ergebnis: Die Zahl der bekannten Fälle liegt deutlich höher als in früheren Untersuchungen. Insgesamt identifizierte das Forschungsteam 210 beschuldigte Geistliche. Der Anteil der Beschuldigten unter den Priestern liege damit bei mindestens 4,35 Prozent.
Priesching betonte jedoch, dass es sich dabei lediglich um das sogenannte „Hellfeld“ handle – also um Fälle, die dokumentiert oder gemeldet wurden. Die tatsächliche Zahl könne aufgrund eines vermutlich erheblichen Dunkelfeldes deutlich höher liegen.
Hohe Hürden für Betroffene
Ein wichtiger Befund der Studie betrifft die sozialen und institutionellen Hürden für Betroffene. Viele Opfer hätten über Jahrzehnte hinweg keine Ansprechpartner gefunden oder Angst vor gesellschaftlichen Konsequenzen gehabt.
Auch innerhalb der Gemeinden hätten soziale Strukturen eine Rolle gespielt: Das hohe Ansehen von Priestern, lokale Machtverhältnisse und Loyalitäten hätten häufig dazu geführt, dass Vorwürfe relativiert oder ignoriert wurden.
Zudem beschreibt die Studie sogenannte „Bystander-Dynamiken“ – Situationen, in denen Mitwissende Hinweise wahrnahmen, aber aus unterschiedlichen Gründen nicht eingriffen oder keine Anzeige erstatteten.
Interner Umgang mit Beschuldigungen
Die Untersuchung zeigt auch deutliche strukturelle Probleme im Umgang der Kirche mit Beschuldigungen. Über viele Jahrzehnte seien Vorwürfe häufig intern behandelt worden.
Anstatt klare Sanktionen zu verhängen, griffen Verantwortliche oft zu Versetzungen der beschuldigten Priester in andere Gemeinden. Teilweise seien Geistliche sogar nach weltlichen Verurteilungen wieder in pastoralen Aufgaben eingesetzt worden.
Als entscheidendes Kriterium galt häufig die erwartete „Reue“ des Beschuldigten. Schutzmaßnahmen für Betroffene seien dagegen nur selten dokumentiert.
Besonders während der Amtszeiten der früheren Paderborner Erzbischöfe Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt seien Beschuldigungen häufig unter dem Gesichtspunkt des Schutzes der Institution und der Wahrung der „Ehre der Kirche“ behandelt worden.
Historischer Kontext und gesellschaftliche Faktoren
Die Studie ordnet diese Entwicklungen auch historisch ein. Während der NS-Zeit seien Anzeigen gegen Priester teilweise politisch instrumentalisiert worden, gleichzeitig habe es aber auch reale Fälle gegeben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg seien zahlreiche verurteilte Geistliche wieder eingesetzt worden. Kirchliche Strafverfahren gingen in dieser Zeit stark zurück. Gleichzeitig herrschten gesellschaftliche Tabus rund um Sexualität und Gewalt, die eine öffentliche Aufarbeitung erschwerten.
Erst ab den 1970er-Jahren habe eine langsame Enttabuisierung eingesetzt. Frauenbewegung, Beratungsstellen und eine zunehmende gesellschaftliche Sensibilität hätten dazu beigetragen, dass Betroffene häufiger über ihre Erfahrungen sprechen konnten.
Trotz dieser Entwicklungen habe es im Erzbistum Paderborn bis zum Jahr 2002 keine klaren institutionellen Strukturen im Umgang mit Missbrauchsvorwürfen gegeben.

Reformen erst ab den 2000er-Jahren
Erst ab 2001 und 2002 wurden laut Studie verbindliche Verfahren eingeführt. Neue kirchenrechtliche Vorgaben sowie Leitlinien der Deutsche Bischofskonferenz führten zu klareren Regelungen.
Im März 2002 wurde im Bistum eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich mit sexuellen Übergriffen befassen sollte.
Stimme der Betroffenen
Auf dem Podium war auch der Vertreter der Betroffenen, Reinhold Harnisch. Er dankte dem Forschungsteam für die respektvolle Zusammenarbeit und die einfühlsame Durchführung der Interviews.

Viele Betroffene hätten erstmals die Möglichkeit gehabt, ihre Erfahrungen ausführlich zu schildern. Für manche habe dies geholfen, einen persönlichen Abschluss zu finden.
Gleichzeitig machte Harnisch deutlich, dass neben den Taten selbst auch das institutionelle Verhalten der Kirche schwer wiege. Er sprach von einem „doppelten Missbrauch“: der Gewalt durch Täter und dem späteren Umgang der Institution mit den Betroffenen.
Die Betroffenenvertretung forderte vom Erzbistum mehr Transparenz, eine konsequente Übernahme von Verantwortung und eine stärkere Einbindung der Betroffenen in zukünftige Entscheidungen.
Pressefragen zu Vorwürfen gegen frühere Erzbischöfe


In der anschließenden Fragerunde der Medien ging es unter anderem um den Umgang mit Namen von Beschuldigten. Das Forschungsteam erklärte, dass grundsätzlich eine Anonymisierung erfolge. Klarnamen würden nur genannt, wenn Personen seit mehr als 40 Jahren verstorben seien.
Journalisten fragten zudem nach Vorwürfen gegen den früheren Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt. Nach Angaben der Forschenden enthält die Studie hierzu keine neuen belastbaren Erkenntnisse über bereits bekannte Informationen hinaus.
Ein Vertreter der Betroffenen berichtete jedoch, dass eine entsprechende Meldung an eine unabhängige Kommission weitergeleitet worden sei. Wegen der sehr begrenzten Quellenlage könne derzeit keine wissenschaftlich fundierte Bewertung vorgenommen werden.
Weitere Fragen: Mahnmal und Barrierefreiheit
Auch das geplante Mahnmal für Betroffene im Paderborner Dom wurde in der Fragerunde thematisiert. Auf Nachfrage zur Barrierefreiheit erklärten Verantwortliche, dass mögliche Lösungen – etwa eine Rampe oder automatische Türen – derzeit geprüft würden.
Die Betroffenenvertretung betonte, dass das Mahnmal maßgeblich von Betroffenen selbst entwickelt worden sei und eine öffentliche Diskussion über die Geschichte der Gewalt anstoßen solle.
Weitere Forschung geplant
Für die Studie führten die Forschenden rund 80 Interviews mit Betroffenen, Mitwissenden sowie ehemaligen Mitarbeitenden des Bistums.
Das Forschungsteam kündigte zudem eine Folgestudie für den Zeitraum 2003 bis 2022 an. Gleichzeitig riefen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weitere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen dazu auf, sich zu melden und ihre Erfahrungen zur weiteren Aufarbeitung beizutragen.
Zum Abschluss der Pressekonferenz wurde betont, dass die Untersuchung wichtige Erkenntnisse geliefert habe, die Aufarbeitung jedoch noch lange nicht abgeschlossen sei.
Titelbild: v.l. Erzbischof Dr. Udo Bentz, Prof. Dr. Nicole Priesching, Reinhold Harnisch, Prof. Dr. Matthias Bauer und Dr. des. Christine Hartig