Gemeinsames Iftar in Bad Driburg

Begegnung, Dialog und Barmherzigkeit im Mittelpunkt

Alexander Bieseke

Bad Driburg. Zu einem gemeinsamen Iftar – dem abendlichen Fastenbrechen im Monat Ramadan – hatte der Verein Boquss Bad Driburg am Samstagabend in die Räume der evangelischen Gemeinde an der Brunnenstraße eingeladen. Die Veranstaltung stand unter dem Thema „Barmherzigkeit – ein Wert, der uns verbindet“ und brachte zahlreiche Gäste aus Gesellschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft zusammen.

Alle Plätze im Gemeindesaal waren besetzt. Die Räume waren liebevoll vorbereitet und festlich gestaltet. Auch kulinarisch hatte der Verein viel vorbereitet: Auf den Tischen standen zahlreiche arabische Köstlichkeiten, die später gemeinsam geteilt wurden.

Der Abend wurde von Alexander Bieseke, Herausgeber des Online-Magazins Bad Driburg im Blick, moderiert. In seiner Begrüßung hieß er die Gäste herzlich willkommen und stellte den Gedanken des gemeinsamen Fastenbrechens als Zeichen der Begegnung und des Dialogs in den Mittelpunkt.

Zu den Gästen gehörten unter anderem die Vertreterin und der Vertreter des Kommunalen Integrationszentrums des Kreises Höxter, Filiz Elüstü und Per Hüsges. Ebenfalls anwesend waren Klaus Geiser, Kontaktbeamter für interkulturelle und religiöse Angelegenheiten des Kreises Höxter, sowie die Integrationsbeauftragte der Stadt Bad Driburg, Bernada Hülsmann.

Die Integrationsbeauftragte überbrachte zugleich die Nachricht, dass Bürgermeister und Stellvertretung an diesem Abend terminlich verhindert seien. Auch mehrere Stadtverordnete folgten der Einladung des Vereins Boquss.

Herkunft des Vereinsnamens

Buqruss ist eine kleine Ortschaft im Osten Syriens in der Provinz Deir ez-Zor und liegt am westlichen Ufer des Euphrat nahe der Stadt Al‑Mayadin.

Der Ort ist nach einer nahegelegenen archäologischen Stätte benannt, auf deren Überresten die heutige Siedlung entstand. Diese Fundstätte gehört zu den sehr frühen menschlichen Siedlungsplätzen und reicht bis etwa 7000 v. Chr. zurück. Damit zählt Buqruss zu den Regionen, in denen sich frühe dauerhafte Dörfer und Landwirtschaft entwickelten.

Alabastergefäß mit Griffen aus der Region Buqruss, aus dem Jahr 6500 v. Chr. Louvre-Museum (AO 28519).
Trotz Zerstörung und Plünderung durch den Islamischer Staat dokumentieren Archäologen Syriens Kulturerbe digital – von Palmyra bis Bouqras. So bleibt das Wissen über die antiken Stätten erhalten, selbst wenn die Originale verloren gehen.

Dieses Bild zeigt ein neolithisches Wandgemälde aus dem Tell Bouqras

Archäologische Ausgrabungen brachten Keramik, Werkzeuge und Wandzeichnungen aus der Jungsteinzeit ans Licht. Viele dieser Funde werden im Museum der Stadt Deir ez-Zor aufbewahrt und zeigen, wie früh sich im Euphrattal menschliche Zivilisation entwickelte.

Kurz gesagt:
Buqruss ist nicht nur eine kleine Ortschaft, sondern auch ein archäologisch bedeutender Ort, der Einblicke in die frühe Geschichte menschlicher Siedlungen im Euphrattal vor über 9000 Jahren gibt.

Aktuelle Situation:
Die Region um Deir ez-Zor liegt heute in einem Gebiet, das stark vom syrischen Bürgerkrieg betroffen ist, der mit dem Syrian Civil War begann.
Aufgrund der Sicherheitslage sind archäologische Arbeiten und Besuche der Stätte derzeit kaum möglich.

Gerade deshalb, so wurde an diesem Abend deutlich, ist es vielen Menschen aus dieser Region wichtig, in ihrer neuen Heimat Orte der Begegnung und des Austauschs zu schaffen – etwa durch Vereine wie Boquss, die zum Dialog zwischen Kulturen und Religionen einladen.


Vortrag über Barmherzigkeit

Mit seiner Rede eröffnete Moderator Alexander Bieseke den inhaltlichen Teil des Abends. Unter dem Titel „Barmherzigkeit – ein Wert, der uns verbindet“ setzte er sich mit der Bedeutung dieses Begriffs in Religion, Politik und Gesellschaft auseinander.

Barmherzigkeit gehöre zu den ältesten und zugleich anspruchsvollsten Werten der Menschheit, erklärte er. Sie finde sich in religiösen Traditionen ebenso wie in philosophischen Überlegungen. Zugleich werde der Begriff heute häufig politisch oder moralisch instrumentalisiert.

Ein besonderes Anliegen sei ihm der interreligiöse Dialog. Gerade in einer Welt, die zunehmend von Konflikten geprägt sei, werde deutlich, wie zerbrechlich Frieden und Zusammenleben sein können. Deshalb sei es notwendig, miteinander zu sprechen und einander zuzuhören.

Bieseke verwies auch auf globale Konflikte und die Frage, wie sich moralische Maßstäbe in geopolitischen Auseinandersetzungen anwenden lassen. Gewalt, Unterdrückung und Menschenrechtsverletzungen könnten niemals als Ausdruck von Barmherzigkeit verstanden werden.

Gleichzeitig betonte er, dass Barmherzigkeit nicht mit Naivität verwechselt werden dürfe. Hilfe müsse immer auch mit Verantwortung verbunden sein.


Blick auf Deutschland und Bad Driburg

In seiner Rede ging Bieseke auch auf die gesellschaftlichen Debatten in Deutschland ein. Das Jahr 2015 sei für viele Menschen ein Symbol für gesellschaftliche Barmherzigkeit gewesen, als unter Bundeskanzlerin Angela Merkel zahlreiche Geflüchtete aufgenommen wurden.

Zehn Jahre später sei die Stimmung deutlich komplexer geworden. Politische Lager hätten sich verhärtet, extreme Positionen gewännen an Einfluss – selbst auf kommunaler Ebene.

Als Beispiel nannte er die politische Entwicklung in Bad Driburg selbst, wo die Alternative für Deutschland nach der letzten Kommunalwahl mit sieben Mandaten in den Stadtrat eingezogen und somit die zweitstärkste Fraktion ist.

Ein konkreter Ort dieser gesellschaftlichen Debatten sei auch die Zentrale Unterbringungseinrichtung für Geflüchtete im ehemaligen Clemensheim. Dort lebten Menschen aus unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Lebensgeschichten.

Gerade hier zeige sich das Spannungsfeld zwischen humanitärer Verantwortung und gesellschaftlichen Herausforderungen besonders deutlich.


Islamische Perspektive auf Barmherzigkeit

Ahmed Elshahawy

Als zweiter Redner sprach Ahmed Elshahawy, Projektleiter bei der Kreishandwerkerschaft Höxter-Warburg und Mitbegründer sowie stellvertretender Vorsitzender des Vereins Boquss.

Er stellte in seinem Vortrag die Bedeutung der Barmherzigkeit im Islam in den Mittelpunkt. Fast jedes Kapitel des Korans beginne mit den Worten:

„Im Namen Gottes, des Allerbarmers, des Barmherzigen.“

Damit werde deutlich, dass Barmherzigkeit eine zentrale Eigenschaft Gottes sei – und zugleich ein Auftrag an die Menschen.

Der Prophet Muhammad habe sinngemäß gesagt: „Seid barmherzig zu den Menschen auf der Erde.“ Dieser Satz gelte unabhängig von Herkunft, Religion oder sozialer Zugehörigkeit.

Elshahawy betonte, dass Barmherzigkeit mehr sei als ein Gefühl. Sie sei eine bewusste Entscheidung und zeige sich vor allem im Alltag: im Zuhören, im Helfen und im respektvollen Umgang miteinander.

Auch im beruflichen Umfeld spiele dieser Wert eine wichtige Rolle. Führung, Verantwortung und Zusammenarbeit könnten nur dann nachhaltig funktionieren, wenn Menschlichkeit und Empathie Teil des Handelns seien.

Als Mensch mit eigener Migrationserfahrung berichtete Elshahawy zudem von persönlichen Erlebnissen. Oft seien es kleine Gesten gewesen – ein freundliches Wort, ein offenes Ohr –, die Vertrauen geschaffen hätten. Genau dieses Vertrauen sei ein entscheidender Baustein für gelingende Integration.


Polizei betont Bedeutung des gesellschaftlichen Zusammenhalts

Klaus Geiser

Anschließend sprach Klaus Geiser, Kontaktbeamter der Polizei für interkulturelle und religiöse Angelegenheiten im Kreis Höxter. In seiner Funktion betreut er mehr als 40 Glaubensgemeinschaften im Kreisgebiet.

Geiser schilderte, dass der Austausch mit religiösen Gemeinschaften in der Region überwiegend positiv verlaufe. Probleme gebe es nur selten.

Mit Blick auf die weltpolitische Lage äußerte er jedoch auch nachdenkliche Worte. Kriege, Gewalt und Fluchtbewegungen zeigten, wie zerbrechlich Frieden sein könne.

Gerade deshalb sei es wichtig, den gesellschaftlichen Zusammenhalt aktiv zu stärken. Offenheit, gegenseitiger Respekt und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, seien zentrale Voraussetzungen für ein funktionierendes Zusammenleben.

Das gemeinsame Fastenbrechen erinnere daran, dass Großzügigkeit, Gemeinschaft und Mitgefühl zum Kern des Ramadans gehörten.


Beiträge aus Stadtgesellschaft und Schule

Auch Bernada Hülsmann, Integrationsbeauftragte der Stadt Bad Driburg, richtete anschließend eine Grußbotschaft an die Gäste und berichtete über ihre Erfahrungen zum Thema “Fasten”.

Bernada Hülsmann
Sham Alsatham

Ein persönlicher Einblick kam zudem von der Schülerin Sham Alsatham, die die siebte Klasse des Gymnasiums St. Kasper in Neuenheerse besucht. Sie berichtete von ihren eigenen Erfahrungen während der Fastenzeit und davon, welche Bedeutung der Ramadan für junge Menschen haben kann.

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Gemeinsames Fastenbrechen

Vor dem eigentlichen Iftar trug Avham eine Rezitation aus dem Koran vor.

Pünktlich um 18.15 Uhr – entsprechend der muslimischen Gebetszeit – wurde schließlich das Fasten gebrochen. Traditionell begann das Iftar mit Datteln und Wasser, bevor die Gäste gemeinsam die vorbereiteten Speisen genossen.

Der Abend entwickelte sich anschließend zu einem lebendigen Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und Lebenswege.

Henna Bemalung

Begegnung als Brücke

Die Veranstaltung zeigte eindrucksvoll, wie interreligiöse Begegnungen im Alltag gelingen können.

Das gemeinsame Iftar wurde so zu mehr als einem religiösen Ritual: Es wurde zu einem Ort des Dialogs, der Gastfreundschaft und des gegenseitigen Kennenlernens.

Oder, wie es in den Reden des Abends mehrfach betont wurde:

Barmherzigkeit zeigt sich nicht nur in Worten – sondern vor allem im gelebten Miteinander.


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