Alexander Bieseke
Ein Leserbrief von Manuela Pöhler beschäftigt sich mit einer Frage, die weit über Schule und Prävention hinausgeht: Warum gelingt es unserer Gesellschaft so oft nicht, aus längst vorhandenen Erkenntnissen auch konsequentes Handeln entstehen zu lassen?
Ausgehend von einer Petition für mehr Friedenserziehung an Schulen spannt Pöhler einen weiten Bogen – von der frühkindlichen Vermittlung von Konfliktfähigkeit und sozialer Kompetenz über Gesundheitsförderung und erfolgreiche Präventionsprogramme bis hin zur politischen Verantwortung. Dabei geht es ihr weniger um neue Konzepte als um die Frage, warum bereits erprobte und wissenschaftlich evaluierte Ansätze nicht dauerhaft und verlässlich umgesetzt werden.
Ihr persönlicher Blick auf ihre frühere Arbeit mit Klasse2000 macht den Leserbrief dabei besonders greifbar. Pöhler beschreibt, was möglich ist, wenn Kindern Wissen, Vertrauen und die richtigen Werkzeuge vermittelt werden – und warum gesellschaftlich wichtige Arbeit nicht dauerhaft vom Idealismus einzelner Menschen oder privaten Förderern abhängig sein sollte.
Ihr Plädoyer richtet sich letztlich an uns alle: weniger „Man müsste einmal“ und mehr „Wir fangen jetzt an“. Ein lesenswerter Denkanstoß über Frieden, Bildung, Prävention, politische Verantwortung und die Frage, wie aus guten Ideen endlich dauerhafte Lösungen werden können.
Hinweis der Redaktion: Der folgende Leserbrief gibt die persönliche Meinung von Manuela Pöhler wieder. Die Veröffentlichung erfolgt im Rahmen der Lesermeinungen und stellt nicht automatisch die Position der Redaktion von Bad Driburg im Blick dar.
Leserbrief
Wir wissen längst, was zu tun wäre – warum tun wir es nicht?
Manchmal frage ich mich, ob unser größtes gesellschaftliches Problem tatsächlich darin besteht, dass wir zu wenig wissen – oder ob wir nicht längst sehr viel wissen und viel zu wenig davon umgesetzt wird.
Vor wenigen Tagen habe ich eine Petition unterschrieben, die fordert, das Thema Frieden stärker in den Lehrplänen unserer Schulen zu verankern. Ich halte Frieden für eines der wichtigsten Güter überhaupt, und natürlich unterstütze ich die Idee, Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, wie Konflikte friedlich gelöst werden können, wie Verständigung gelingt und was es bedeutet, Verantwortung für ein gemeinschaftliches Zusammenleben zu übernehmen. In diesem Zusammenhang darf man vielleicht auch die Frage stellen, welches Signal wir Kindern geben, wenn wir ihnen einerseits Gemeinschaft, gegenseitigen Respekt und Zusammenhalt vermitteln wollen, sie aber andererseits schon nach der vierten Klasse auf unterschiedliche Bildungswege verteilen – verbunden mit unterschiedlichen Erwartungen daran, was ihnen zugetraut wird und was sie einmal erreichen können.
Es geht mir an dieser Stelle nicht darum, die gesamte Schulstruktur infrage zu stellen. Aber vielleicht beginnt gesellschaftliche Trennung manchmal viel früher und viel unscheinbarer, als wir glauben. Während ich die Petition unterschrieb, kam mir noch ein anderer Gedanke: Wie viele Petitionen habe ich eigentlich in meinem Leben schon unterschrieben? Wie viele Forderungen wurden formuliert, Arbeitskreise gegründet, Konzepte geschrieben und Modellprojekte entwickelt? Auch im Bereich Ernährung und Gesundheitsförderung war ich selbst bereits an solchen Projekten beteiligt. Gute Ideen waren da, engagierte Fachleute waren da, die Projekte funktionierten – und irgendwann fehlten Fördergelder oder eine Anschlussfinanzierung. Damit endete nicht selten auch das Projekt. Wie viel von all dem, was wir längst entwickelt und erprobt haben, kommt tatsächlich dauerhaft bei den Menschen an?
Ich selbst habe früher als Gesundheitsförderin für Klasse2000 gearbeitet und halte das Programm bis heute für ein hervorragendes Beispiel dafür, was gute Präventionsarbeit leisten kann. Ich habe dabei persönlich erlebt, wie gut und wie selbstverständlich Kinder Wissen aufnehmen, wenn man ihnen die richtigen Werkzeuge an die Hand gibt und Inhalte altersgerecht und lebendig vermittelt. Kinder beschäftigen sich dort bereits im Grundschulalter nicht nur mit Ernährung und Bewegung, sondern auch mit ihrem Körper, mit Entspannung und Wohlbefinden, mit Gefühlen, Konflikten und der Frage, wie Menschen gut miteinander umgehen können. Ich habe diese Arbeit mit den Kindern geliebt. Und genau dort beginnt für mich auch Friedenserziehung. Frieden beginnt nicht erst mit 18 Jahren. Er beginnt nicht mit einem politischen Beschluss und auch nicht erst dann, wenn Kriege bereits geführt werden. Frieden beginnt im Kleinen: zuhören können, andere Standpunkte aushalten, Konflikte lösen, Grenzen respektieren, Verantwortung übernehmen und lernen, sich selbst und andere wahrzunehmen. Und wir müssen bei solchen Programmen längst nicht mehr nur vermuten, ob sie etwas bewirken.
Klasse2000 wurde wissenschaftlich untersucht und evaluiert. Eine randomisierte Kontrollgruppenstudie führte dazu, dass das Programm in der „Grünen Liste Prävention“ in die höchste Kategorie „Effektivität nachgewiesen“ eingeordnet wurde. Untersuchungen zeigen positive Effekte unter anderem beim Ernährungs- und Bewegungsverhalten; bei vollständiger Durchführung wurden darüber hinaus positive Wirkungen beispielsweise auf Lebensqualität, Selbstwert, Emotionsregulation, prosoziales Verhalten und Klassenklima festgestellt.
Und trotzdem ist ein solches Programm nicht selbstverständlich und flächendeckend Bestandteil des Grundschulalltags. Seine Finanzierung ist bis heute wesentlich auf Spenden, Fördergelder und Patenschaften angewiesen – beispielsweise durch Rotary Clubs und andere engagierte Förderer. Dieses Engagement ist großartig und verdient Anerkennung. Aber gerade deshalb muss die Frage erlaubt sein: Warum hängt es vom Engagement privater Förderer und Sponsoren ab, ob Kinder Zugang zu einem wissenschaftlich evaluierten Präventionsprogramm erhalten? Warum wird eine solche Aufgabe nicht viel stärker als öffentliche Verantwortung begriffen und verlässlich finanziert? Hier zeigt sich für mich exemplarisch ein grundsätzliches Problem: Wir entwickeln gute Programme, wir evaluieren sie, wir weisen ihre Wirksamkeit nach – und anschließend schaffen wir es nicht, das, was funktioniert, selbstverständlich und dauerhaft in unsere Strukturen zu integrieren.
Dabei brauchen wir für solche Aufgaben nicht Lehrerinnen und Lehrer, denen neben einem ohnehin vollen Arbeitstag immer noch eine weitere Aufgabe übertragen wird. Die Fachleute gibt es längst. Menschen aus Gesundheitsberufen, Pädagogik, Psychologie, Bewegung, Ernährung, Prävention und anderen Bereichen verfügen über Wissen und praktische Erfahrung. Viele von ihnen könnten dieses Wissen in unsere Schulen tragen. Aber wer qualifizierte Arbeit erwartet, muss sie auch angemessen bezahlen. Fachkompetenz kann nicht dauerhaft von Idealismus leben. Ich selbst habe meine Tätigkeit für Klasse2000 irgendwann beendet. Damals erhielt ich dafür 18 Euro pro Unterrichtseinheit. Das stand für mich in keinem angemessenen Verhältnis zu einer qualifizierten selbstständigen Tätigkeit. Wenn wir gesellschaftlich erklären, wie wichtig Prävention, Bildung und soziale Kompetenz sind, müssen wir auch bereit sein, die Menschen angemessen zu bezahlen, die diese Arbeit leisten. Und genau an dieser Stelle führt das Thema für mich weit über Schule und Prävention hinaus. Auch die Politik ist gefordert.
Politische Verantwortung kann nicht darin bestehen, Probleme immer wieder zu beschreiben, Prüfaufträge zu erteilen, Kommissionen einzusetzen und Entscheidungen auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Prüfen und sorgfältiges Abwägen gehören zu einem Rechtsstaat. Aber am Ende eines solchen Prozesses muss auch eine Entscheidung stehen. Demokratie lebt von unterschiedlichen Auffassungen und vom Streit um den richtigen Weg. Aber nicht alles ist deshalb beliebig oder reine „Ansichtssache“. Unsere Grundrechte, unsere Verfassung, die Menschenwürde und die Prinzipien des Rechtsstaates bilden einen Rahmen, an dem sich politisches Handeln messen lassen muss. Wo dieser Rahmen berührt oder infrage gestellt wird, erwarte ich von den politisch Verantwortlichen, dass sie die vorhandenen rechtsstaatlichen Möglichkeiten nutzen, Entscheidungen treffen und entsprechend handeln.
Denn auch permanentes Nichtentscheiden hat Folgen. Viele Menschen erleben inzwischen nahezu täglich eine neue Krise, einen neuen Konflikt, eine neue Forderung oder ein weiteres ungelöstes Problem. Klimakrise, Kriege, gesellschaftliche Spaltung, soziale Unsicherheit, Bildungsprobleme, gesundheitliche Belastungen – die Liste scheint nicht nur endlos, sie wird gefühlt jeden Morgen länger. Das erzeugt Ohnmacht. Wenn Probleme so groß und so zahlreich erscheinen, dass sie kaum noch lösbar wirken, ziehen Menschen sich zurück. Sie kümmern sich um ihren Alltag, versuchen, ihr eigenes Leben irgendwie zu bewältigen, und für gesellschaftliches Engagement bleibt immer weniger Kraft. Nicht unbedingt aus Gleichgültigkeit, sondern aus Überforderung.
Und vielleicht unterschätzen wir, wie gefährlich dieses Gefühl für eine Demokratie werden kann: das Gefühl, dassohnehin nichts geschieht, egal wie viele Menschen sich engagieren, Petitionen unterschreiben, demonstrieren, Projekte entwickeln oder auf Missstände hinweisen. Menschen müssen wieder erleben können, dass Probleme tatsächlich gelöst werden. Dass etwas abgeschlossen wird. Dass Entscheidungen getroffen werden. Dass eine Regelung funktioniert. Dass etwas einfacher statt komplizierter wird. Dass die Liste der Probleme auch einmal kürzer und nicht jeden Tag länger wird. Wir müssen nicht für jedes Problem das Rad neu erfinden. Wir sollten viel konsequenter schauen: Was funktioniert bereits? Was wurde untersucht? Was hat sich bewährt? Welche Fachleute stehen zur Verfügung? Und dann müssen wir den Mut haben, daraus dauerhafte Strukturen zu machen. Kinder müssen neben Mathematik, Deutsch und Sachkunde lernen dürfen, wie sie körperlich und psychisch gesund bleiben, wie sie mit Stress umgehen, Konflikte lösen, Manipulation erkennen, Verantwortung übernehmen und respektvoll mit anderen Menschen umgehen. Das sind keine Nebenthemen.
Das sind Lebenskompetenzen. Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Investitionen, die eine Gesellschaft überhaupt tätigen kann. Ich wünsche mir deshalb weniger „Man müsste einmal“ und mehr „Wir fangen jetzt an“. Weniger immer neue Modellprojekte, wenn längst bekannt ist, was funktioniert. Weniger endloses Prüfen, wenn genügend Erkenntnisse für eine Entscheidung vorliegen. Und mehr Vertrauen in die Menschen, die seit Jahren praktisch an Lösungen arbeiten. Wir können nicht jede Krise verhindern. Wir können auch nicht alle Probleme gleichzeitig lösen. Aber wir können anfangen, Probleme tatsächlich zu bearbeiten – eines nach dem anderen. Vielleicht wäre allein das schon ein wichtiger Schritt gegen das Gefühl der Ohnmacht, das sich in unserer Gesellschaft immer weiter ausbreitet. Frieden, Gesundheit, gesellschaftlicher Zusammenhalt und Demokratie entstehen nicht durch eine Unterschrift allein. Sie entstehen dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen und handeln.
Und damit können wir heute anfangen.
Manuela Pöhler