Fünf Jahre nach der Flut – Helfer erinnern sich

Doris Dietrich

Bad Driburg/Mayschoß (Landkreis Ahrweiler/Rheinland/Pfalz). Fünf Jahre sind vergangen, seit sich am 14. und 15. Juli 2021 eine der schwersten Naturkatastrophen der deutschen Nachkriegsgeschichte ereignete. Innerhalb weniger Stunden verwandelten außergewöhnlich starke Regenfälle die Ahr in einen reißenden Strom. Häuser wurden von den Wassermassen mitgerissen, Brücken stürzten ein, Straßen und Bahnstrecken verschwanden in den Fluten. Ganze Ortschaften wurden verwüstet. Allein im Ahrtal verloren 135 Menschen ihr Leben, viele standen plötzlich vor dem Nichts.

Vorweg:

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Mayschoß nach der Flut – tagesthemen mittendrin:

Es ist ein Satz, der Horst und Frank Kanbach aus Bad Driburg bis heute tief bewegt. „Auch nach fünf Jahren brennt die Seele.“ Als die beiden Brüder diese Worte aussprechen, wird schnell deutlich, wie tief sich die Erlebnisse ihres Hilfseinsatzes im Ahrtal in ihr Gedächtnis eingebrannt haben. Im Gespräch mit „Bad Driburg im Blick“ erinnern sich Frank und Horst an die Tage vor fünf Jahren.

Zerstörungen und über die Ufer getretener Fluss Ahr 2021
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte:
In der Kirche in Mayschoß wurden nach der Flutkatastrophe Lebensmittel und Hilfsgüter für die Betroffenen gesammelt.
Zerstörte Infrastruktur ⬆️ ⬇️

Die Bilder gingen damals durch ganz Deutschland. „Man konnte kaum glauben, was man da gesehen hat“, erinnerten sie sich. Frank suchte nach Möglichkeiten, selbst zu helfen. Schließlich stieß er auf einen Aufruf, in dem freiwillige Helfer gesucht wurden. Ohne lange zu überlegen meldete er sich an. „Für mich war sofort klar: Ich fahre hin.“ Seinen Bruder Horst musste er nicht lange überzeugen.

Busse der Hilfsorganisation „HELFER SHUTTLE“ brachten die Freiwilligen in etwa 30 Minuten nach Mayschoß. Der Weinort mit rund 1.000 Einwohnern zählt zu den idyllischen Weinbaugemeinden an der Ahr. Doch als Horst und Frank dort ankamen, war von der Idylle nichts mehr zu erkennen. Zehn Tage lang war Mayschoß fast vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Erst nachdem man über einen ehemaligen Wanderweg eine Behelfsstraße gebaut hatte, konnten Hilfskräfte und Versorgungsgüter den Ort wieder erreichen. Die Zustände waren katastrophal. Abfall, Heizöl, Chemikalien und Fäkalien hatten sich mit den Fluten vermischt. Es bestand Seuchengefahr. Es gab weder Strom noch Trinkwasser, die Kanalisation war zerstört und eine Notfallkläranlage musste eingerichtet werden.

An diese Fahrt erinnern sich die Brüder besonders intensiv. „Am Anfang wurde im Bus noch geredet. Doch je näher der Bus seinem Ziel kam, desto stiller wurde es. Plötzlich war es mucksmäuschenstill“, schilderte Horst. „Jeder schaute nur noch aus dem Fenster.“

Überall lagen Schlamm, Geröll und Trümmer. Einsatzfahrzeuge u. a. der Bundeswehr, des Technischen Hilfswerks und des Deutschen Roten Kreuzes prägten außerdem das Bild. Nach ihrer Ankunft wurden alle Helfer zunächst in einem großen Logistikzelt begrüßt. Dort erhielten sie eine Einweisung und wurden den verschiedenen Einsatzorten zugeteilt. Vieles ist aus dieser Besprechung längst verblasst. Ein Satz jedoch ist beiden bis heute im Gedächtnis geblieben. „Lasst die Menschen erzählen.“

Horst und Frank wurden einem Winzer zugeteilt. Dessen Erntehelfer konnten wegen der zerstörten Infrastruktur nicht mehr nach Mayschoß gelangen. Die gesamte Weinlese stand auf dem Spiel. Frank und Horst hatten die Aufgabe, an den nicht zerstörten Rebstöcken die Ast- und Laubentfernung vorzunehmen. „Die Winzer waren unglaublich dankbar“, erzählte Frank. Er wusste genau: Wenn jetzt niemand hilft, ist die ganze Ernte verloren.

Hand in Hand im Weinberg – Frank und Horst halfen beim Rebschnitt.⬆️ ⬇️
Mit Schlamm bedeckte Weinflaschen, deren geretteter Inhalt später als Spenden- und „Flutwein“ weltbekannt wurde.⬆️ ⬇️

Die Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr wurde bereits 1868 gegründet. Heute zählen über 400 Winzer zu ihren Mitgliedern. Ein Winzerkeller, in dem sonst Touristen und Urlauber Weinproben genießen, bot nach der Flut ein erschütterndes Bild. Unzählige Weinflaschen waren mit Schlamm bedeckt. Einige der Weinflaschen konnten nach gründlicher Reinigung wieder verkauft werden. Der Schlamm ließ sich abwaschen – der Wein selbst war unversehrt geblieben.

Immer wieder kamen Einwohner auf die Helfer zu. Viele wollten einfach nur erzählen. Nicht, weil jemand nachfragte, sondern weil sie das Erlebte nicht länger für sich behalten konnten. „Oft standen wir einfach nur da und haben zugehört“, erzählt Horst. „Viele hatten nur noch die Kleidung, die sie in der Flutnacht getragen hatten. Alles andere war weg.“

Die Betroffenden schilderten Horst und Frank immer wieder die dramatischen Stunden der Flutnacht. „Plötzlich war das Licht weg“, berichteten viele. Kurz darauf sei ein ohrenbetäubender Knall zu hören gewesen. Autos, Wohnwagen, Bäume und alles, was die Wassermassen mitgerissen hatten, hatten sich an den Brücken verkeilt und das Wasser immer weiter aufgestaut. Irgendwann hielt nichts mehr stand. „Die Leute erzählten uns, dass sich die Wassermassen dann mit einer unvorstellbaren Wucht ihren Weg gebahnt haben.“

Viele Bewohner konnten sich in letzter Sekunde nur noch auf die Dächer ihrer Häuser retten und mussten dort stundenlang ausharren. Andere verloren innerhalb weniger Minuten ihr gesamtes Hab und Gut.

Der damalige Bürgermeister von Mayschoß, Hubertus Kunz war nicht nur Krisenmanager, sondern selbst Betroffener. In dieser Ausnahmesituation bewies er große Besonnenheit. Zeitweise stand die Überlegung im Raum, den gesamten Ort zu evakuieren. Gemeinsam mit Krisenbeauftragten entschied sich der Bürgermeister jedoch dagegen.

Mayschoß hatte bereits Erfahrungen mit Hochwasser gemacht. Beim sogenannten Jahrhunderthochwasser 2016 lag der Pegel bei 3,71 Metern. Man glaubte, selbst auf ein Hochwasser von etwa 4,70 Metern vorbereitet zu sein. Doch in der Flutnacht 2021 erreichte die Ahr eine Höhe zwischen 8,70 und 9,70 Metern – Werte, die sich bis dahin niemand vorstellen konnte.

Besonders nahe gingen den beiden Helfern die persönlichen Schicksale. Unvergessen ist für sie die Geschichte einer Familie. Mutter und Tochter kamen in den Fluten ums Leben. Der Vater konnte den Sohn zunächst retten, der später an einer Lungenentzündung verstarb. Kurze Zeit danach nahm sich der Vater das Leben.

An vielen Häuserwänden sah man ein großes „X“ gesprüht. Mitten im Ort wurde die Kirche zu einem Symbol der Hoffnung. Die Kirchenbänke wurden zur Seite geräumt. Wo normalerweise Gottesdienste gefeiert wurden, stapelten sich nun Lebensmittel, Kleidung und alles, was man zum Leben brauchte.

Die Hilfsbereitschaft vieler Helfer spiegelte sich auch in der Dankbarkeit der Menschen wider. An vielen Häusern hingen handgeschriebene Schilder mit einem einfachen Wort: „Danke.“ Die Helfer konnten an verschiedenen Hauswänden und Stelen ihren Namen eintragen.

Erinnerung – Button „solidAHRität-helfer-shuttle.de
Horst unterschreibt zur Erinnerung an Helfer-Wand

Auch nach ihrer Rückkehr endete das Engagement nicht. Gemeinsam mit dem Lions Club und privaten Spendern unterstützten Horst und Frank Betroffene.

Fünf Jahre später hat sich das Gesicht des Ahrtals deutlich verändert. Viele Häuser wurden wieder aufgebaut, neue Brücken errichtet und Bahnstrecken instandgesetzt. Die Ahrtalbahn nahm im Dezember 2025 wieder vollständig ihren Betrieb auf.

Am 14. Juli 2026 besuchte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erneut das Ahrtal. Anlass war das Gedenken an die Opfer. Eine neue Fotoausstellung „We AHR Strong“ wurde durch ihn eröffnet. Sie zeigt Gesichter und Geschichten von Menschen, die die Flut erlebt haben – Geschichten von Verlust und Trauer, aber auch von Zusammenhalt, Widerstandskraft, Mut und Hoffnung.

Titelbild: Horst (links) und Frank Kanbach bei ihrem Einsatz im Ahrtal 2021

Fotos: Horst und Frank Kanbach

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