Ein Kommentar von Alexander Bieseke
Mehr als 27.000 Besucherinnen und Besucher strömten gestern zum Tag der Bundeswehr nach Höxter. Die Weserstadt wurde damit zum Schauplatz einer der größten öffentlichen Bundeswehr-Veranstaltungen des Jahres. Zwischen Brückenfahrzeugen auf der Weser, Vorführungen der Truppe, Gesprächen mit Soldatinnen und Soldaten sowie zahlreichen Informationsständen nutzten Tausende die Gelegenheit, einen Blick hinter die Kulissen der Bundeswehr zu werfen. Die beeindruckenden Besucherzahlen zeigen, dass das Interesse an Sicherheitspolitik, Landesverteidigung und den Menschen in Uniform größer ist, als viele lange angenommen haben.
Auf der einen Seite weiß ich um die Notwendigkeit von Militär in einem Staatswesen. Unsere Bundeswehr ist eine Verteidigungsarmee. Das letzte Wort über jeden Einsatz hat das Parlament. Das wirkt auf mich zunächst einmal beruhigend.
Auch ich habe, Jahrgang 1968, lange geglaubt, Europa sei über Kriege hinweg. Ich war überzeugt, dass unser zivilisierter Kontinent endgültig verstanden habe, wie sinnlos Kriege sind. Dass Menschenleben zählen. Dass Ausgaben für Armeen und Verteidigung dauerhaft zurückgefahren werden könnten.
Ich habe mich geirrt
Und ich war damit offensichtlich nicht allein. Auch große Teile der internationalen Politik haben die Welt lange durch eine allzu optimistische Brille betrachtet. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist. Er muss bewahrt und im Ernstfall auch verteidigt werden können.
Gestern war ich beim Tag der Bundeswehr in Höxter. Nicht aus Sensationsgier, sondern aus ehrlichem Interesse.

Ich habe mit vielen Soldatinnen und Soldaten gesprochen. Besonders intensiv war ein Gespräch mit einer Zugführerin des Deutsch-Britischen Pionierbrückenbataillons 130 aus Minden. “20 Minuten sagte sie” solange darf die Installation dieser Behelfsbrücke dauern. Dabei wurde deutlich, wie viel Verantwortung hinter einer solchen Aufgabe steckt: Führung, Ausbildung, Fürsorge und die Verantwortung für Menschen und Material.
Später habe ich den Abbau der Brückenfahrzeuge an der Weser beobachtet. Es war beeindruckend zu sehen, wie präzise die Abläufe funktionierten. Jeder Handgriff saß. Die Amphibienfahrzeuge verließen die Weser innerhalb kürzester Zeit, genau wie angekündigt. Auch an anderen Stellen war dieses eingespielte Zusammenspiel der verschiedenen Einheiten zu erkennen.
Und nein: Einen „Drill“ habe ich dort nicht wahrgenommen.
Ich habe engagierte Soldatinnen und Soldaten erlebt, die Fragen beantworteten, ihre Arbeit erklärten und den Dialog mit der Bevölkerung suchten. Nach all den Vorbereitungen und dem sichtbaren Einsatz habe ich ihnen das gute Wetter von Herzen gegönnt.
Natürlich ist mir bewusst, dass ein solcher Tag auch dazu dient, die Bundeswehr wieder stärker ins Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken. Das ist gewollt – und das ist angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage auch nachvollziehbar.
Trotzdem blieb bei mir ein Gedanke hängen.
Auf dem Veranstaltungsgelände stand eine riesige Hüpfburg in Form eines Panzers. Kinder tobten darauf, lachten und hatten Spaß. Genau so war es vermutlich auch gedacht.
Und dennoch löst dieses Bild bei mir ein gewisses Unbehagen aus.
Panzer sind keine Spielgeräte. Sie sind Waffen. Sie stehen für militärische Gewalt und für die Realität von Krieg. Man muss nur einen Blick in die Geschichte werfen, um zu wissen, welche Bilder und Erinnerungen mit ihnen verbunden sind.


Quelle: © dpa / RIA Nowosti

Deshalb halte ich es für wichtig, dass die Bundeswehr sichtbar ist und sich erklärt. Die Menschen sollten wissen, wer sie im Ernstfall verteidigt und wie diese Aufgabe wahrgenommen wird. Aber gleichzeitig sollte immer deutlich bleiben, worum es dabei letztlich geht.
Zwischen Information und Faszination verläuft eine feine Grenze.
Die Bundeswehr gehört in die Mitte der Gesellschaft. Krieg hingegen darf niemals als etwas Normales erscheinen.
Ein Kind gehört auf einen Spielplatz.
Die Kaserne jedenfalls ist keiner.
Titelbild: Ein Luftkissen in Form und Aussehen eines riesigen Panzers
Foto: Doris Dietrich