“Wo soll ich mit meinem Glauben hin?” [Kolumne]

Alexander Bieseke

Die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche stand in dieser Woche im Fokus der Öffentlichkeit und ist längst mehr als eine historische Untersuchung. Sie ist zu einer Frage geworden, die weit über einzelne Täter, Bischöfe oder Studien hinausgeht. Es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit der Institution Kirche.

Gerade im Gebiet des Erzbistum Paderborn – einer Region mit einer jahrhundertealten katholischen Tradition – wird diese Frage besonders intensiv gestellt. Im Hochstift, im Kreis Höxter und auch in Bad Driburg gehört die Kirche noch immer zum Alltag vieler Menschen. Sie prägt das gesellschaftliche Leben durch Gemeinden, soziale Einrichtungen, Schulen und Krankenhäuser.

Doch genau deshalb wiegt der Vertrauensverlust umso schwerer.

Wenn bekannt wird, dass Verantwortungsträger der Kirche sexualisierte Gewalt an Minderjährigen nicht konsequent verfolgt haben, sondern Täter versetzten oder schützten, erschüttert das nicht nur die Institution. Es erschüttert auch den Glauben vieler Menschen.

Ein Kommentar in den sozialen Medien bringt dieses Gefühl auf den Punkt. Dort schreibt jemand sinngemäß: Wenn das Unrecht plötzlich einen Namen und ein Gesicht bekommt – etwa das eines hochrangigen Kirchenmannes – dann gerät der eigene Glaube ins Wanken. Wenn jemand nicht nur Täter geschützt, sondern möglicherweise selbst schuldig geworden ist, stellt sich für viele die existenzielle Frage: Wo soll ich mit meinem Glauben hin?

Diese Frage ist ehrlich. Und sie ist nachvollziehbar.

Denn sie berührt einen zentralen Punkt: Brauchen wir die Institution Kirche überhaupt – oder genügt der persönliche Glaube?

Viele Menschen trennen heute beides stärker voneinander. Sie glauben an Gott, aber weniger an Institutionen, die als Vermittler zwischen Mensch und Gott auftreten wollen. Der Satz aus dem Evangelium „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen“ wird dabei zu einem Maßstab.

Auch ich selbst kann mit diesem Gedanken etwas anfangen. Der Glaube an Gott ist für viele Menschen etwas sehr Persönliches. Institutionen können ihn begleiten, vielleicht auch stärken. Aber sie können ihn nicht ersetzen.

Gleichzeitig wäre es zu einfach, die Kirche nur auf ihre Skandale zu reduzieren.

Denn zur Wahrheit gehört auch: In kirchlichen Einrichtungen arbeiten unzählige Menschen, die ihren Beruf aus einer christlichen Haltung heraus verstehen. Pflegekräfte in Krankenhäusern, Mitarbeiterinnen in Kindergärten, Lehrkräfte in Schulen, Ehrenamtliche in Gemeinden oder Menschen, die sich in der Caritas engagieren. Viele von ihnen versuchen jeden Tag, die Botschaft des Evangeliums praktisch umzusetzen.

Zwischen dieser gelebten christlichen Idee und der Institution Kirche entstehen jedoch immer wieder Spannungen. Ein Spagat, der für viele Menschen schmerzhaft ist. Besonders für diejenigen, die fest in der Kirche verwurzelt sind und gleichzeitig erleben, wie das Verhalten der Institution ihre eigenen Überzeugungen infrage stellt.

Weniger für Außenstehende – sondern vor allem für die vielen engagierten Menschen innerhalb der Kirche.

Der amtierende Erzbischof Udo Markus Bentz hat öffentlich um Vergebung gebeten und angekündigt, das schuldhafte Erbe seiner Vorgänger aufarbeiten zu wollen. Ich nehme ihm diese Haltung persönlich ab.

Ob eine große Institution wie das Erzbistum Paderborn dabei wirklich geschlossen den gleichen Weg geht, ist schwer zu beurteilen. Institutionen verändern sich langsam. Manchmal sehr langsam.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Herausforderung.

„Wir begegnen uns als Menschen in dieser Kirche“

Die Kirche muss zeigen, dass ihre Werte nicht nur Predigten sind, sondern Maßstäbe für ihr eigenes Handeln. Gerade im Umgang mit Macht, Verantwortung und den Schwächsten.

Denn am Ende wird sich die Zukunft der Kirche nicht an ihrer Geschichte entscheiden.

Sondern an ihrer Glaubwürdigkeit.

Titelbild: Montage: Paderborner Dom – im Vordergrund der Motivwagen von Jacques Tilly


Infobox

Zahlen und Fakten – Erzbistum Paderborn

Katholikinnen und Katholiken: ca. 1.292.435

Gesamtbevölkerung im Bistumsgebiet: ca. 4,8 Millionen

Kirchenaustritte 2024: 17.184

Durchschnittliche Sonntagsgottesdienstbesucher: 67.769

Dekanate: 19

Pfarrgemeinden: 603 in 96 pastoralen Räumen

Vermögen des Erzbistums (inkl. Stiftungen): rund 7,15 Milliarden Euro


Bad Driburg:

Einwohner: ca. 19.080

Katholiken im pastoralen Raum: etwa 9.300

Anteil katholischer Bevölkerung: knapp 50 %


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