“Zu viele Häuptlinge – zu wenig Indianer” [Kolumne]

Bad Driburgs Schulpolitik – Bildung zwischen Anspruch und Realität

Alexander Bieseke

Ich bin Jahrgang 1968. Von sieben Geschwistern war ich der Einzige auf der Friedrich-Wilhelm-Weber Realschule. Die anderen sechs gingen auf die Hauptschule – und trotzdem wurde aus allen etwas. Vom Technischen Zeichner bei einem großen Unternehmen in Blomberg, Personal-Manager einer namhaften Versicherung über Handwerker, Steuerfachgehilfin bis hin zur Arzthelferin in der Uniklinik in Freiburg und einer  Schneiderin mit eigener Boutique in Bad Salzuflen: echte Lebenswege, kein Papierkram.

Die Hauptschule war besser, als ihr Ruf es je vermuten ließ. Sie bot Praxis, Durchlässigkeit, echte Chancen. Und trotzdem: Diskreditierung, Ideologie, gesellschaftlicher Druck. Eltern wollen „mehr“, die Wirtschaft „höher“, Kinder mit unzureichender deutscher Sprache landen automatisch auf der Hauptschule. Der Imageschaden war da. Da half auch die Umbenennung zur Caspar-Heinrich-Schule* nicht wirklich weiter.

Klassenfotos einer damaligen Hauptschulklasse. Rechts: Lehrer Bernfried Müller

Mit dem Ende des dreigliedrigen Systems verschwand das städtische Gymnasium, trotz Bürgerinitiative. Die Gesamtschule sollte neues Lernen bringen – Lernbüros, Partnerschaft mit der Gemeinde Altenbeken, moderne Pädagogik. Das Ergebnis? Schnell gescheitert. Altenbeken gründete daraufhin eine eigene Realschule, Nieheim behielt seine, einige unserer Kinder meldeten sich dann dort an.

Ab 2026/2027 wird die Gesamtschule aufgrund fehlender Anmeldungen nun zur reinen Sekundarschule, die beiden privaten Gymnasien übernehmen nun als einzige die Oberstufe. Sie leisten hervorragende Arbeit und sichern qualitativ hochwertige Bildung. Eine städtische Oberstufe wird es vorerst nicht mehr geben. Die aktuelle Entwicklung rund um die Schulstruktur in Bad Driburg zeigt, wie wichtig eine stabile und erfolgreiche Gesamtschule als tragfähige Sekundarschule ist. Eine gut aufgestellte Schule vor Ort darf nicht nur als organisatorische Lösung verstanden werden, sondern als zukunftsweisendes Bildungsmodell. Längeres gemeinsames Lernen, individuelle Förderung und die Möglichkeit verschiedener Abschlüsse stärken nicht nur die Chancengleichheit, sondern auch die Attraktivität des Bildungsstandortes. Wenn es gelingt, Qualität, Profil und klare Perspektiven zu bieten, kann eine solche Schule weit mehr sein als ein Kompromiss – sie kann Motor für die gesamte Region werden.

Doch die Probleme hören nicht beim Schulsystem auf. Die oftmals vielgescholtene Generation Z fordert Work-Life-Balance – beeinflusst von Influencern, die keinerlei reale Vorbildfunktion haben. Realität? Fachkräftemangel, Inflation, schlechte Wirtschaftslage, Leistungsdruck. Wenn Eltern ihren Kindern nur folgen, Trends applaudieren oder unrealistische Erwartungen setzen, verlieren wir den Bezug zur Wirklichkeit.

„Zu viele Häuptlinge – zu wenig Indianer“

ein alter Satz, aber zutreffend. Wir brauchen nicht nur Abiturienten, sondern auch Fachkräfte, Handwerker, Praktiker. Die Hauptschule war kein Auslaufmodell, sondern ein funktionierender Teil eines differenzierten Systems. Ihr Problem war das Image, nicht unbedingt die Qualität.

Gleichzeitig verändert sich die Arbeitswelt durch Digitalisierung und den zunehmenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz grundlegend. Künftige Generationen brauchen nicht nur klassische Abschlüsse, sondern digitale Kompetenzen, Problemlösungsfähigkeit und die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen. Schule muss deshalb mehr sein als Wissensvermittlung: Sie muss junge Menschen befähigen, technologische Entwicklungen kritisch zu reflektieren und aktiv zu gestalten. Gerade vor diesem Hintergrund entscheidet sich heute, ob Bildungspolitik nur Strukturen verwaltet – oder ob sie echte Zukunftschancen schafft.

Wenn wir die Bildung insgesamt wieder nach oben entwickeln wollen und eigentlich müssten, müssen mehrere Punkte gleichzeitig angegangen werden: Kinder brauchen eine solide sprachliche Grundlage, um überhaupt Chancen nutzen zu können. Eltern müssen stärker in die Pflicht genommen werden und realistische Erwartungen setzen. Schule muss praxisnah unterrichten und gleichzeitig echte Berufsperspektiven eröffnen. Lehrkräfte brauchen Zeit, kleine Klassen und moderne Ausstattung, um individuell fördern zu können. Und schließlich muss unsere Gesellschaft allen Schulformen wieder Wertschätzung entgegenbringen – nicht nur Gymnasium und Abitur, sondern auch Handwerk, Technik und praktische Bildung.

Bildungspolitik darf keine Ideologie sein. Sie muss den Menschen dienen, nicht dem Papier. Ob Bad Driburg das versteht? Wir werden es an den Lebenswegen unserer Kinder und Enkel sehen.

Schreibe einen Kommentar