Alexander Bieseke
„Ich glaub, die Jugend hat Angst.“
Dieser Satz geht mir nicht mehr aus dem Kopf.
Vielleicht auch deshalb, weil ich selbst Großvater von drei Enkelkindern bin.
Wenn ich meine Enkel anschaue, denke ich nicht zuerst an die Schlagzeilen von heute. Ich denke an ihre Zukunft.
Was für eine Welt werden sie einmal vorfinden?
Werden sie in Frieden leben können? Werden sie in einer Gesellschaft aufwachsen, in der man wieder miteinander spricht, anstatt sich gegenseitig zu bekämpfen? Werden sie noch erleben, dass politische Entscheidungen von Verantwortung und nicht nur von kurzfristigen Interessen geprägt sind?
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Das Musikvideo und der Song „Die Jugend hat Angst“ von Alex Gessner haben mich bewegt und zum Nachdenken gebracht. Als Großvater von drei Enkelkindern hat mich besonders die Frage beschäftigt: Welche Welt hinterlassen wir der jungen Generation? Aus diesen Gedanken ist diese Kolumne entstanden.
Songwriter: Alex Gessner, Jasper Riessen, Nikolaos Avgerinos
Songtext: © Downtown Music Publishing / Universal Music Publishing Group
Wie konnte es so weit kommen?
Wie konnte eine Generation, die mit dem Versprechen aufgewachsen ist, dass Europa aus seiner Geschichte gelernt hat, wieder mit Bildern von Krieg konfrontiert werden?
Wie konnte es passieren, dass Krieg in Europa nicht mehr nur ein Kapitel aus dem Geschichtsbuch ist, sondern wieder Realität?
Wie konnte es so weit kommen, dass junge Menschen gleichzeitig auf Klimakrise, brennende Wälder, steigende Lebenshaltungskosten, Wohnungsnot und eine immer aggressiver werdende politische Debatte schauen?
Und warum gelingt es uns immer weniger, darüber miteinander zu reden?
Vielleicht beginnt die Antwort bei uns selbst.
Wir haben uns daran gewöhnt, politische Auseinandersetzungen wie einen Wettbewerb zu betrachten. Wer hat gewonnen? Wer hat verloren? Wer hat den besseren Spruch? Wer bekommt die größere Schlagzeile?
Aber Politik ist kein Fußballspiel.
Wenn eine Gesellschaft auseinanderdriftet, gibt es am Ende keinen Sieger.
Wir erleben eine Zeit, in der einfache Antworten auf komplizierte Fragen besonders erfolgreich sind. Schnell ist ein Schuldiger gefunden: die Regierung, die Opposition, die Ausländer, die Reichen, die Armen, die Alten, die Jungen, „die da oben“.
Doch die Wirklichkeit ist komplizierter.
Und genau deshalb ist sie so schwer auszuhalten.
Unsere Demokratie lebt davon, dass Menschen unterschiedlicher Meinung sein dürfen. Aber sie lebt genauso davon, dass wir einander noch zuhören.
Wann haben wir damit aufgehört?
Wann wurde aus einer politischen Diskussion ein persönlicher Angriff?
Wann wurde aus einem Andersdenkenden ein Feind?
Wann haben wir begonnen, jede Nachricht danach zu beurteilen, ob sie in unser eigenes Weltbild passt?
Und wann haben wir vergessen, dass Demokratie nicht bedeutet, immer recht zu haben?
Vielleicht haben wir zu lange geglaubt, Frieden, Freiheit und Wohlstand seien selbstverständlich.
Für viele Menschen meiner Generation waren sie lange Zeit einfach da. Für die Generation davor waren sie nach Krieg und Zerstörung ein mühsam erkämpfter Neubeginn.
Heute erleben wir, dass nichts davon selbstverständlich ist.
Frieden ist keine Garantie. Demokratie ist keine Garantie. Freiheit ist keine Garantie.
All das muss immer wieder verteidigt, gestaltet und mit Leben erfüllt werden.
Und vielleicht ist das gerade als Großvater eine besondere Verantwortung.
Ich möchte meinen Enkelkindern nicht irgendwann erklären müssen, warum wir Erwachsenen zwar alle Warnzeichen gesehen, aber trotzdem nichts verändert haben.
Ich möchte ihnen nicht sagen müssen: Wir wussten, dass die politische Sprache immer aggressiver wurde. Wir wussten, dass die Welt aus den Fugen geraten kann. Wir wussten, dass Klimaschutz notwendig ist. Wir wussten, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt zerbrechen kann.
Und trotzdem haben wir weitergemacht wie bisher.
Nein.
Ich möchte, dass meine Enkel eines Tages sagen können:
Unsere Großeltern haben nicht weggesehen.
Sie haben gestritten, aber sie haben miteinander gesprochen.
Sie hatten unterschiedliche Meinungen, aber sie haben den anderen Menschen respektiert.
Sie haben Fehler gemacht, aber sie waren bereit, daraus zu lernen.
Und sie haben verstanden, dass eine Zukunft nicht einfach passiert.
Man muss sie gestalten.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft hinter dem Satz: „Ich glaub, die Jugend hat Angst.“
Wir sollten jungen Menschen nicht einfach sagen, dass sie keine Angst haben müssen.
Wir sollten ihnen einen Grund geben, zuversichtlich zu sein.
Denn ich möchte als Großvater nicht in einer Welt leben, in der meine Enkel lernen müssen, mit Angst zu leben.
Ich möchte in einer Welt leben, in der sie sagen können:
Wir haben eine Zukunft.
Und wir Erwachsenen haben alles dafür getan, dass sie eine gute wird.
Denn am Ende geht es nicht nur um die Frage:
„Warum hat die Jugend Angst?“
Die viel unbequemere Frage lautet:
„Was tun wir heute dafür, dass unsere Enkel morgen keine Angst haben müssen?“
Hintergrund:
Wenn die Jugend plötzlich selbst entscheidet 🎶
Eigentlich sollte JAS im ZDF-Morgenmagazin einen anderen Song singen. Doch kurz vor seinem Auftritt entschied er sich um – und sang stattdessen „Die Jugend hat Angst“. “Das nehme ich auf meine Kappe”, so Alex.
Eine spontane Entscheidung. Aber vielleicht gerade deshalb eine bemerkenswerte.
Denn hinter diesem Song steckt mehr als Musik. Er beschreibt das Lebensgefühl einer Generation, die mit Krieg, Klimakrise, Unsicherheit und der Frage aufwächst, wie ihre Zukunft aussehen wird.
Dass JAS ausgerechnet im Morgenmagazin spontan diesen Song auswählte, hat mich bewegt. Vielleicht war es genau der richtige Moment, um nicht einfach nur einen Song zu präsentieren, sondern zuzuhören, was junge Menschen beschäftigt.
🎵 JAS – „Die Jugend hat Angst“
Den Auftritt könnt ihr hier beim ZDF ansehen:

Ich glaub’, die Jugend hat Angst
Vor alten Männern im Amt
Vor einem schrecklichen Schauspiel
Mit Krieg vor der Haustür
Ich glaub’, die Jugend hat Angst
Vor großen Wäldern in Flammen
Vor einer Welt
In der man nicht leben kann
Getrieben von Größenwahn
Ziehen uns vergoldete Büros in den Untergang
Wir jagen weiße Tauben mit gebrochenem Flügel
In jeder Schlagzeile geht’s um Hass und Lügen
Wann haben wir aufgehört zu reden?
Wir suchen nur noch nach Extremen
Ich glaub’, die Jugend hat Angst
Vor alten Männern im Amt
Vor einem schrecklichen Schauspiel
Mit Krieg vor der Haustür
Ich glaub’, die Jugend hat Angst
Vor großen Wäldern in Flamen
Vor einer Welt
In der man nicht leben kann
Kinder auf Straßen als Söldner verkleidet
Väter in den Gräben machen Söhne zu Waisen
Muss es so weit kommen?
In Trümmern sterben Träume, machen Freunde zu Feinden
Es muss sich was ändern, doch Veränderung will keiner
Wie ist es so weit gekommen?
Ich glaub’, die Jugend hat Angst
Vor alten Männern im Amt
Vor einem schrecklichen Schauspiel
Mit Krieg vor der Haustür
Ich glaub’, die Jugend hat Angst
Vor großen Wäldern in Flammen
Vor einer Welt
In der man nicht leben kann
Ich glaub’, die Jugend hat Angst
Vielleicht sollten wir Erwachsenen weniger darüber reden, was die Jugend angeblich falsch macht – und öfter zuhören, wovor sie tatsächlich Angst hat.
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