Barrierefreier Zugang zur Gedenkstätte kommt im Herbst
Alexander Bieseke
Bad Driburg/Paderborn. Rund vier Monate nach der Veröffentlichung der unabhängigen Aufarbeitungsstudie zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum Paderborn sind beim Erzbistum 20 neue Meldungen eingegangen. Das teilte das Erzbistum auf Anfrage von Bad Driburg im Blick mit. Die neuen Hinweise werden derzeit geprüft und könnten den Umfang des bekannten Missbrauchsgeschehens weiter vergrößern.


Nach Angaben des Erzbistums beziehen sich acht Meldungen auf bereits bekannte und verstorbene Beschuldigte. In sieben weiteren Fällen wurden mutmaßliche Täter erstmals benannt – auch sie sind bereits verstorben. In vier Fällen konnten sich die Betroffenen nicht mehr an die Namen der Beschuldigten erinnern. Ein weiterer Fall liegt außerhalb der Zuständigkeit des Erzbistums Paderborn.
Das Erzbistum bewertet die zahlreichen Kontaktaufnahmen als wichtiges Signal. Viele Menschen würden sich erst jetzt mit Fragen, Beratungswünschen oder eigenen Erfahrungen an die Interventionsstelle wenden. Die Kirche sieht darin einen Beleg dafür, dass die unabhängige Studie Betroffenen Mut macht, nach oft jahrzehntelangem Schweigen ihre Geschichte zu erzählen.
Doch trotz der neuen Zahlen bleiben zentrale Fragen unbeantwortet. So machte das Erzbistum keine Angaben dazu, ob sich unter den neuen Meldungen Hinweise auf Missbrauchsfälle aus der Amtszeit des früheren Erzbischofs Hans-Josef Becker befinden. Ebenso blieb offen, ob die neuen Hinweise Erkenntnisse über Verantwortliche liefern, die Missbrauch vertuscht oder Täter geschützt haben könnten. Auch zu möglichen Rückmeldungen der Betroffenen zur Studie oder zu den weiteren Untersuchungen der Jahre 2002 bis 2022 äußerte sich das Erzbistum nicht.

Ein weiteres Thema ist die Gedenk- und Erinnerungsstätte für Betroffene sexualisierter Gewalt im Paderborner Dom. Diese wurde bereits im Frühjahr 2026 eingeweiht, ist jedoch bis heute nicht vollständig barrierefrei erreichbar. Erst für den Herbst 2026 ist nach Angaben des Erzbistums die Fertigstellung eines Plattformlifts geplant.
Gerade dieser Umstand wirft Fragen auf. Eine Gedenkstätte, die allen Betroffenen gewidmet ist, sollte vom ersten Tag an für alle Menschen/Opfer uneingeschränkt zugänglich sein – auch für Rollstuhlnutzerinnen und Rollstuhlnutzer sowie Menschen mit anderen Mobilitätseinschränkungen. Dass dies erst Monate nach der Einweihung der Fall sein soll, wirkt schwer nachvollziehbar. Der gemeinnützige Verein pro barrierefrei e.V. setzt sich seit Jahren für Barrierefreiheit auch und gerade bei Kirchen und deren Veranstaltungen ein.
Eine zweite, ergänzende Studie zur Amtszeit des 2022 zurückgetretenen Erzbischofs Hans-Josef Becker (2003–2022) soll planmäßig 2027 folgen. Der erste Teilbericht dokumentiert mindestens 489 Betroffene und 210 beschuldigte Kleriker im Zeitraum der Amtszeiten der Kardinäle Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt.
Hinweis: Der Autor ist Gründungsmitglied der gemeinnützigen Selbsthilfegruppe pro barrierefrei e.V. und sprach das Thema Barrierefreiheit auch bei der Veröffentlichung der Studie mit an.