Die Frage ist, ob wir sie noch hören wollen? [Kolumne]

Zwischen Jubelklängen und Wirklichkeit

Alexander Bieseke


„Jubelklänge, Festgesänge, nah und ferne froher Schall“ – Worte aus einem alten Osterlied, die auf den ersten Blick kaum in unsere Zeit zu passen scheinen. Zu laut sind die Nachrichten, zu präsent die Krisen, zu spürbar die Unsicherheit im Alltag vieler Menschen.

Und doch lohnt es sich, gerade jetzt hinzuhören.

“Jubelklänge, Festgesänge…”
von Henry Tucker 1867

Denn dieses Lied ist kein Ausdruck einer heilen Welt. Es ist ein Gegenruf. Ein bewusst gesetztes Zeichen gegen Angst, Resignation und das Gefühl, dass alles immer schwieriger wird. Die Glocken, von denen es singt, läuten nicht, weil alles gut ist – sondern weil Hoffnung gebraucht wird.

Ostern erzählt genau davon.

Es ist die Geschichte eines Neuanfangs dort, wo eigentlich alles zu Ende war. Von Leben, das stärker ist als der Tod. Von Licht, das sich nicht dauerhaft von Dunkelheit verdrängen lässt. Wer das ernst nimmt, erkennt schnell: Diese Botschaft ist keine Vertröstung auf irgendwann. Sie ist eine Einladung für heute.

Gerade in einer Zeit, in der vieles auseinanderzudriften scheint – Meinungen, Gesellschaften, manchmal sogar Familien – erinnert Ostern daran, dass Versöhnung möglich bleibt. Dass aus Bruchstellen neue Wege entstehen können. Und dass Hoffnung kein naiver Luxus ist, sondern eine Haltung, die trägt.

„Frei von Schmerzen sind die Herzen…“ heißt es in einer weiteren Strophe. Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Und vielleicht ist es auch nicht wörtlich gemeint. Aber es beschreibt etwas, das viele suchen: einen inneren Halt, der nicht sofort ins Wanken gerät, wenn äußere Sicherheiten brüchig werden.

Ostern verspricht keinen problemlosen Alltag. Aber es eröffnet eine Perspektive: Dass nicht das Schwierige das letzte Wort hat.

Vielleicht ist das die eigentliche Kraft dieses alten Liedes. Es zwingt nicht zum lauten Jubel. Aber es erinnert daran, dass es Gründe dafür geben könnte. Trotz allem.

Und so stellt sich die Frage nicht nur, was in der Welt geschieht. Sondern auch, was in uns Raum bekommt: Zweifel oder Zuversicht, Resignation oder Hoffnung.

Die Glocken klingen – damals wie heute.
Die Frage ist, ob wir sie noch hören wollen.


Jubelklänge, Festgesänge
nah und ferne froher Schall
Glocken klingen, Sel´ge singen
von Erlösung überall
Freudenglocken, hört nicht auf zu schwingen
Gotteskinder, fahret fort zu singen
Hört, hört den Jubelklang, den Festgesang

Freudenklänge Festgesänge
o wie tönt´s in Zion schön
Feinde beben, Tote leben
durch die Kraft aus Himmelshöhn
Freudenglocken, hört nicht auf zu schwingen
Gotteskinder, fahret fort zu singen
Hört, hört den Jubelklang, den Festgesang

Frühlingsdüfte Maienlüfte
Wunderbares Geisteswehn
Frei von Schmerzen sind die Herzen
die allein auf Jesum sehn
Freudenglocken, hört nicht auf zu schwingen
Gotteskinder, fahret fort zu singen
Hört, hört den Jubelklang, den Festgesang

Himmelsglocken höher locken
aus der armen Welt hinaus
hebt die Schwingen, Engel singen
Engel singen ewig in dem Vaterhaus
Freudenglocken, hört nicht auf zu schwingen
Gotteskinder, fahret fort zu singen
Hört, hört den Jubelklang, den Festgesang

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