Zwischen Karfreitag und Hoffnung
Alexander Bieseke
Wir nähern uns Ostern.
Doch bevor das Licht kommt, steht der Karfreitag.
Ein Tag der Stille. Ein Tag der Fragen. Vielleicht auch ein Tag, der besser als jeder andere in diese Zeit passt.
Denn während draußen die Welt aus den Fugen zu geraten scheint, bleibt mein Blick doch immer wieder hier hängen – in Bad Driburg. Ein kleiner Ort auf der großen Weltkarte. Für die meisten bedeutungslos. Für uns das Zentrum.
Hier spielt sich das Leben ab.
Hier tobt – im besten Sinne – der Bär.
Und hier ist auch etwas Wunderbares geschehen: Ich durfte erneut Opa werden. Eine kleine neue Erdenbürgerin hat gesund das Licht dieser Welt erblickt. Lia Sophie.
Es ist ein Moment, der mich mit tiefer Dankbarkeit erfüllt.
Und gleichzeitig mit Sorge.
Was für eine Welt erwartet dieses Kind?
Eine Welt, die lauter geworden ist. Schneller. Härter.
Eine Welt, in der Meinungen oft mehr zählen als Fakten und Lautstärke mehr Gewicht hat als Zuhören.
Als ich 1968 geboren wurde, schien die Richtung klar: nach oben. Wirtschaftlich, gesellschaftlich, technologisch. Natürlich war auch damals nicht alles gut. Aber es gab eine spürbare Bewegung, ein gemeinsames Vorwärts.
Heute wirkt vieles wie ein Auseinanderdriften.
Früher waren mehr Kinder auf den Straßen. Heute stehen dort mehr Autos.
Wir hatten Treffpunkte – echte, physische Orte. Spielplätze, Ecken, Plätze. Man verabredete sich, ohne ständig erreichbar zu sein. Und man wusste: Wenn die Straßenlaternen angingen, ging es nach Hause.

Heute scheint vieles organisiert, abgesichert, eingezäunt. Abenteuer im eigenen Garten. Perfekt geplant – und doch oft ohne das Unvorhersehbare, das uns geprägt hat.
Ich will nicht sagen, dass früher alles besser war.
Das wäre zu einfach. Und falsch.
Es war anders.
Wir hatten unsere Freiräume – und unsere Grenzen.
Unsere Treffpunkte – und unsere Regeln.
Unsere kleinen Reibereien – und ein großes Miteinander.
Heute, nur zwei Generationen später, leben wir in einer anderen Welt. Unsere Kinder und Enkel wachsen mit Herausforderungen auf, die wir so nicht kannten. Globale Krisen sind keine abstrakten Nachrichten mehr – sie sind jederzeit sichtbar, jederzeit kommentierbar, jederzeit präsent.
Kriege laufen in Echtzeit über Bildschirme.
Inflation, Unsicherheit, Zukunftsängste – all das sitzt mit am Tisch, selbst wenn man nur einen ruhigen Abend verbringen möchte.
Und doch: Das Leben geht weiter.
Hier. Bei uns. In unserer kleinen Welt.
Vielleicht ist es genau das, was Karfreitag uns lehrt: innehalten. Aushalten. Nicht wegsehen. Aber auch nicht verzweifeln.
Denn dann kommt Ostern.
Die Hoffnung. Der Neubeginn.
Das leise Versprechen, dass selbst nach dunklen Zeiten wieder Licht möglich ist.
Liebe Lia Sophie,
du bist dieses Licht.
Und vielleicht ist es am Ende gar nicht die große Welt, die entscheidet, wie dein Leben wird. Sondern die kleine. Die hier vor Ort. Die Menschen um dich herum. Die Werte, die wir dir mitgeben. Die Nähe, die wir schaffen.
Zwischen Karfreitag und Ostern liegt genau dieser Raum:
Zwischen Sorge und Zuversicht.
Zwischen Zweifel und Hoffnung.
Und vielleicht ist genau dort der Platz, an dem wir heute stehen.