Inklusion statt Integration – ein Perspektivwechsel [Essay]

Zu viele Aktionstage – zu wenig Inklusion

Alexander Bieseke

In diesen Tagen finden wieder die Internationalen Wochen gegen Rassismus statt. Tausende Veranstaltungen in ganz Deutschland erinnern daran, dass Menschenwürde, Respekt und demokratisches Zusammenleben keine Selbstverständlichkeiten sind.

Die Stiftung gegen Rassismus stellt in diesem Jahr erneut den Schutz der Menschenwürde in den Mittelpunkt. Ein Gedanke, der unmittelbar auf Artikel 1 des Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland verweist: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Ein Satz, der eigentlich alles sagt.

Und doch verlaufen viele gesellschaftliche Debatten seit Jahren entlang immer gleicher Linien: Migration, Integration, Herkunft, Kultur. Diese Begriffe prägen politische Diskussionen ebenso wie öffentliche Veranstaltungen, Projekte und Förderprogramme.

Wichtig sind sie ohne Zweifel. Doch sie haben ein gemeinsames Problem: Sie teilen Gesellschaft häufig in Gruppen ein.

Hier die Mehrheitsgesellschaft.
Dort diejenigen, die integriert werden sollen.

Genau hier beginnt ein grundlegendes Missverständnis.

Der Migrationsforscher Haci-Halil Uslucan von der Universität Duisburg-Essen hat bereits 2023 in einem Schreiben an die Selbsthilfegruppe pro barrierefrei e.V. auf diesen Punkt hingewiesen. Anlass war eine Veranstaltung des Kommunales Integrationszentrum Kreis Höxter, bei der grundlegende Fragen der Barrierefreiheit einmal mehr nicht ausreichend berücksichtigt worden waren.

Uslucan schrieb damals:

„‚Integration geschieht vor Ort‘ ist eine Floskel, die trotz ihrer Abgedroschenheit ihre Wahrheit nicht verloren hat. Allenfalls würde man heute den Begriff ‚Integration‘ durch ‚gleichberechtigte Teilhabe‘ ersetzen, wie wir es hier auch verwenden. Denn ‚Integration‘ hat immer implizit die Konnotation, die Bringschuld allein an die Zuwanderer zu richten („die sollen sich integrieren“); gesellschaftliche Teilhabe dagegen ist ein offenerer Begriff, der Zuwanderer, Staat und die Gesellschaft zugleich adressiert.“


Und weiter:

„Gerade im Kontext der gesellschaftlichen Teilhabe von Zuwanderern ist die Fokussierung allein auf das Individuum problematisch, weil sie im Scheiternsfall die Verantwortung allein den Zugewanderten aufbürdet, während überindividuell wirksame Restriktionen – etwa Diskriminierung oder gesellschaftliche Ausgrenzung – zu wenig in den Blick genommen werden.“

Was hier über Migration gesagt wird, lässt sich ohne Weiteres auf andere Bereiche übertragen. Besonders auf eine Gruppe, die in vielen Debatten erstaunlich selten vorkommt: Menschen mit Behinderungen.

Dabei sind sie überall.

Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen leben in allen Familien, in allen sozialen Schichten und in allen kulturellen Gruppen. Sie sind Teil unserer Gesellschaft – und stoßen dennoch im Alltag immer wieder auf Barrieren.

Diese Barrieren sind nicht nur baulich. Natürlich spielen Aufzüge, Rampen oder barrierefreie Wege eine wichtige Rolle. Aber mindestens ebenso entscheidend sind gedankliche Barrieren.

Zu oft wird Inklusion noch immer als Spezialthema betrachtet – als Aufgabe für Sozialpolitik oder Wohlfahrtsverbände.

Dabei betrifft sie uns alle.

Mit Feliz Elüstü vom Kommunalen Integrationszentrum des Kreises Höxter im Gespräch

Gerade im Kulturlandkreis, dem Kreis Höxter, zeigt sich diese Debatte sehr konkret. Das politische Engagement beim Thema Inklusion ist bislang eher überschaubar. Zwar gibt es zahlreiche engagierte Initiativen und Ehrenamtliche, doch strukturelle Veränderungen verlaufen häufig erstaunlich langsam.

Die Selbsthilfegruppe pro barrierefrei e.V. mit Sitz in Bad Driburg, in der ich Mitglied bin, fordert deshalb seit Jahren einen vergleichsweise einfachen, aber symbolisch wichtigen Schritt: Das bestehende Kommunales Integrationszentrum Kreis Höxter sollte perspektivisch zu einem Kommunalen Inklusionszentrum weiterentwickelt werden.

Auf den ersten Blick wirkt das wie eine reine Umbenennung.

Tatsächlich würde sich damit jedoch der Blickwinkel verändern.

Ein Integrationszentrum richtet seine Aufmerksamkeit in erster Linie auf Menschen mit Migrationsgeschichte. Ein Inklusionszentrum dagegen würde alle gesellschaftlichen Gruppen in den Blick nehmen: Menschen mit Behinderungen, Menschen unterschiedlicher Herkunft, soziale Unterschiede, Altersfragen und viele weitere Aspekte gesellschaftlicher Teilhabe.

Kurz gesagt: die Gesellschaft als Ganzes.

Denn eine der größten Gefahren politischer Debatten besteht darin, dass Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. Mal steht Migration im Mittelpunkt, mal soziale Fragen, mal Barrierefreiheit.

Doch gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht nicht dadurch, dass man einzelne Gruppen isoliert betrachtet.

Er entsteht, wenn alle gemeinsam gedacht werden.

Einige Wochen nach den Internationalen Wochen gegen Rassismus folgt bereits der nächste Termin im Kalender: der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen Anfang Mai.

Auch dieser Aktionstag verfolgt ein wichtiges Ziel. Er soll Aufmerksamkeit schaffen und auf bestehende Ungleichheiten hinweisen.

Doch manchmal bleibt nach solchen Aktionstagen ein ambivalentes Gefühl zurück.

Plakate werden gedruckt, Veranstaltungen organisiert, Fördergelder beantragt, Projekte dokumentiert. Danach kehrt der Alltag zurück – und vieles bleibt, wie es war.

Manchmal wirkt das ein wenig wie ein symbolischer Kalendertermin. Gut, dass wir darüber gesprochen haben.

Eine wirklich inklusive Gesellschaft entsteht jedoch nicht an Aktionstagen.

Sie entsteht im Alltag.

In der Bauplanung von Städten und Gemeinden.
In Schulen und Kindergärten.
In Vereinen und Unternehmen.
In Verwaltungen und politischen Entscheidungen.

Und vor allem im Denken.

Bei all diesen Diskussionen sollte eines jedoch nie vergessen werden: Die Grundlage unseres Zusammenlebens ist längst formuliert.

Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland ist Maß und Mitte unseres gesellschaftlichen Handelns. Es ist nicht nur ein juristisches Regelwerk, sondern eine klare Richtschnur für Politik, Verwaltung und Gesellschaft.

Artikel 1 formuliert unmissverständlich: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Diese Würde gilt für alle Menschen – unabhängig von Herkunft, Religion, Lebensweise oder körperlichen Voraussetzungen.

Vielleicht liegt genau darin der entscheidende Gedanke.

Wer eine inklusive Gesellschaft will, muss nichts Neues erfinden.

Es reicht, sich konsequent an das zu halten, was im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland längst geschrieben steht.

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