Vom Schützenfest zur Schoah

1925: Ein Schützenfest – zwei junge Menschen

Alexander Bieseke

Bad Driburg/Auschwitz/Jerusalem.  Starr und ritualisiert – so darf Erinnerung nicht sein, auch nicht hier in Bad Driburg. Der 27. Januar ist mehr als ein Datum im Kalender. Jährlich gedenkt die Welt an diesem Tag der Millionen Menschen, die in der Shoah ermordet wurden. Doch während die Stimmen der Zeitzeugen leiser werden und Antisemitismus wieder lauter, steht auch das Gedenken selbst auf dem Prüfstand. Erinnerung ist kein abgeschlossener Akt, kein historischer Rückblick – sie ist eine Frage an die Gegenwart: Wie viel Verantwortung sind wir heute bereit zu übernehmen? Der 27. Januar erinnert an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau im Jahr 1945 und steht als Mahnung, die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nicht zu vergessen.

Oft sind es lokale Geschichten, die die Dimensionen von Täter- und Opferbiografien besonders greifbar machen. Eine solche Geschichte verbindet Bad Driburg, das Jahr 1925 und die späteren Ereignisse der NS-Verfolgung.

Schützenfest 1925 in Bad Driburg am 9./10.8. 1925: Schützenfest mit Glashändler Franz Kriegesmann, Schützenkönigin Paula Billerbeck in der Mitte. Die Namen der anderen Personen sind der Redaktion nicht bekannt. 
Quelle: Archiv Meiners
Paula Schiff (Jungschützenkönigin) und ihr Schützenpartner Franz Bönnighausen (KI generiert)

Inhalt

1925: Ein Schützenfest – ein Jungschützenpaar

Beim Schützenfest¹ 1925 in Bad Driburg traten zwei junge Bad Driburger Menschen gemeinsam öffentlich auf: Tischlermeister Franz Bönnighausen als Kronprinz und Paula Schiff als Kronprinzessin. Für die Öffentlichkeit war es ein festlicher Moment, der Jungschützen, Musik und Tradition feierte. (Ein Foto existiert nicht)

Heute jedoch erscheint diese Konstellation tragisch, da sich ihre Lebenswege bald diametral trennten. Paula Schiff stammte aus einer jüdischen Familie und wurde später Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung. Sie überlebte die NS-Zeit nicht. Ihre Biografie ist unter anderem in der Datenbank von Yad Vashem² dokumentiert.

Paula Schiff – jüdische Bürgerin und Opfer der Schoah

Paula Schiff (1904-1942) ist im Alter von 38 Jahren in Auschwitz gestorben.
Bild: Yad Vashem
Das Elternhaus der Familie Schiff
Ihre Eltern Moses Schiff (1864-1942) und Philippine Schiff geborene Sondheimer (1867-1943) beide sind in Theresienstadt gestorben
Bilder: Yad Vashem

Franz Bönnighausen – Bad Driburger Bürger und Täter

Franz Bönnighausen hingegen wurde SA-Sturmführer und gehörte zu den lokalen Akteuren der antisemitischen Gewalt. Besonders deutlich wird seine Rolle während der Novemberpogrome 1938. In Pömbsen wurde die dortige Synagoge, ein repräsentativer Backsteinbau aus dem Jahr 1884/85, am Abend des 10. November 1938 nach einer Dienstbesprechung im Driburger Parteilokal von SA-Männern in Brand gesetzt und vollständig zerstört.

Die Synagoge in Pömbsen (Altkreis Warburg), ein achteckiger Bau mit Kuppelgewölbe von 1884/85, wurde am 10. November 1938 niedergebrannt.
Foto: Staatsarchiv Detmold, D 21 C Zug. 24/1974, Nr. 4.

Während der Pogromnacht waren mehrere SA-Angehörige aus Bad Driburg an Übergriffen auf jüdische Geschäfte und Wohnungen beteiligt; das Haus der Familie Schönstädt wurde verwüstet.³
Auch in Bad Driburg selbst kam es zu schweren Ausschreitungen. SA-Männer zerstörten die Synagoge, rissen Thorarollen auseinander, setzten das Gebäude wiederholt in Brand und verhinderten zunächst wirksame Löscharbeiten. Erst das Eingreifen des Bürgermeisters beendete die Gewalt. Der SA-Sturmführer Franz Bönnighausen war in dieser Nacht sowohl in Pömbsen als auch in Bad Driburg aktiv. Nach der Pogromnacht schlug er den 73-jährigen jüdischen Mitbürger Gerson Uhlmann blutig. In späteren Nachkriegsverfahren gab der Täter an, sich an die Vorgänge nicht erinnern zu können.

Entnazifizierungsunterlagen

Zusätzliche Zeugnisse bestätigen die gezielte Brutalität der Übergriffe. Der Postsekretär Anton Humbert schilderte in einer eidesstattlichen Erklärung⁴ vom 21. Februar 1948, wie Bönnighausen den schwer verletzten Walter Ulmann aus dessen Haus stieß, ihn beschimpfte und der Öffentlichkeit preisgab, bevor Ulmann von der Polizei in sogenannte Schutzhaft genommen wurde. Humbert sprach ausdrücklich von einem planmäßig vorbereiteten Überfall und einem inszenierten Volksauflauf.

Am 10. Mai 1938 trat Franz Bönnighausen aus der katholischen Kirche aus⁵. Nach dem Ende des Krieges heiratete⁵ er am 1. Februar 1948 in Castrop-Rauxel die Witwe Agnes Schulte, geb. Hölling. Im Rahmen der Entnazifizierung⁶ wurde er zunächst der Kategorie III zugeordnet, später in Kategorie IV herabgestuft. 1949 wurde er wegen Landfriedensbruchs und Verbrechens gegen die Menschlichkeit im Zusammenhang mit den Pogromen in Pömbsen verurteilt. Die juristischen Konsequenzen blieben – gemessen an der Schwere der Taten und den Schicksalen der Opfer – begrenzt.

Quintessenz

Die Geschichte von Paula Schiff und Franz Bönnighausen zeigt, wie eng Täter und Opfer einst lokal verbunden waren, bevor sich ihre Wege radikal trennten. Sie verdeutlicht, dass der Nationalsozialismus nicht fern, abstrakt oder anonym war, sondern mitten aus der Gesellschaft hervorging.

Die Erinnerung an diese Ereignisse ist nicht nur historisch wichtig, sondern auch eine dauerhafte Mahnung für die Gegenwart. Sie zeigt, wie schnell Ausgrenzung, Hass und Gewalt gesellschaftlich normalisiert werden können, wenn Gleichgültigkeit, Vorurteile oder institutionelle Strukturen sie begünstigen. Auch heute sind Menschenverachtung, Diskriminierung und Gewalt in vielen Teilen der Welt an der Tagesordnung – gegen ethnische oder religiöse Minderheiten, Geflüchtete oder politische Gegner. Die Erinnerung an die Opfer der Shoah macht deutlich, dass solche Entwicklungen nicht unvermeidlich sind, sondern dass jede Gesellschaft aktiv wachsam sein, frühzeitig einschreiten und demokratische sowie menschenrechtliche Prinzipien verteidigen muss. Geschichte lehrt, dass Untätigkeit, Verharmlosung oder Beschönigung tödliche Folgen haben können – und dass es die Verantwortung jeder Generation ist, diese Lektionen ernst zu nehmen und umzusetzen.

Titelbild: Fotomontage vor historischen Schützenbild aus dem Jahr 1925.


Quellen:


¹Bad Driburger Stadtgeschichte – Monat August 1925: https://bad-driburg-aktuell.info/2025/08/01/bad-driburger-stadtgeschichte-monat-august-5/ ” ..


²Yad Vashem, Page of Testimony: Paula Schiff: https://collections.yadvashem.org/en/names/

³Die vergessenen Nachbarn https://www.aschendorff-buchverlag.de/res/user/vam/media/978-3-7395-1374-4.pdf


⁴Eidesstattliche Erklärung Anton Humbert, 21. Februar 1948, Archivunterlagen


⁵Kirchenbuch Bad Driburg, St. Peter und Paul, KB021-01-X_0003 (Kirchenaustritt, Heiratseintrag)


⁶Landesarchiv NRW, Abt. Rheinland, NW 1072-RB, Nr. 139 (Entnazifizierung)

Freie Presse, Nr. 171, 21.11.1949

Stefan Baumeier / Heinrich Stiewe (Hg.): Die vergessenen Nachbarn. Juden auf dem Lande im östlichen Westfalen, S. 251–262, Aschendorff Verlag Münster, 2005

Hinweise stammen von Heinz Küting, der zu den jüdischen Familien in OWL forscht.  https://www.juedische-geschichte.lwl.org/de/projekte/

Hinweis: Die Bilder wurden von mir manuel digital retuschiert und behutsam coloriert.

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