Zukunft der Gesamtschule Bad Driburg ungewiss

Zwischen Erhaltungswillen und struktureller Realität

Alexander Bieseke


Bad Driburg.  Am 26. Januar befasst sich der Rat der Stadt Bad Driburg mit der Zukunft der Gesamtschule. Die Entscheidung gilt als richtungsweisend für den Schulstandort der Stadt. Die Gesamtschule Bad Driburg, 2013 gegründet und seither als Schule des längeren gemeinsamen Lernens etabliert, steht vor einer ungewissen Zukunft.

Der Schulstandort in der Geschwister-Scholl-Straße

Grund ist die anhaltend zu geringe Schülerzahl in der Jahrgangsstufe 5: Für den Fortbestand der Schulform schreibt das Schulgesetz NRW mindestens 100 Anmeldungen pro Jahrgang vor. Diese Mindestzahl konnte in den vergangenen Jahren nicht erreicht werden, sodass die Bezirksregierung Detmold bereits vor mehreren Monaten darauf hingewiesen hat, dass die Schule ohne entsprechende Anmeldungen gefährdet ist.

Trotz vielfältiger Maßnahmen von Schule, Verwaltung und Eltern, die Attraktivität der Gesamtschule zu steigern – etwa Informationskampagnen, Beratungsangebote und Kooperationen – konnte die notwendige Zahl nicht erreicht werden.

Die Stadtverwaltung reagiert nun proaktiv: Für das Schuljahr 2026/27 soll ein vorzeitiges Anmeldeverfahren bei der Bezirksregierung beantragt werden, um Eltern frühzeitig die Möglichkeit zur Einschulung ihrer Kinder zu geben.
Sollte auch dieses Verfahren nicht zum Erfolg führen, sieht der Ratsbeschluss vor, die Gesamtschule ab dem Schuljahr 2026/27 jahrgangsweise in eine Sekundarschule umzuwandeln. Diese neue Schulform wird als Ganztagsschule geführt und bietet weiterhin das integrierte Lernen in heterogenen Klassenverbänden. Ab Jahrgang 7 erfolgt der Unterricht in teilintegrierter Form. Durch Kooperationen mit Schulen in der Umgebung, die eine Sekundarstufe II anbieten, sollen Schülerinnen und Schüler weiterhin auf Ausbildung und Hochschulreife vorbereitet werden.

Bürgermeister Tobias Tölle betont in der Beschlussvorlage: „Wir setzen alles daran, die Gesamtschule fortzuführen. Gleichzeitig sichern wir mit der Sekundarschule ein wohnortnahes und qualitativ hochwertiges Bildungsangebot, falls die Mindestzahlen nicht erreicht werden.“ Die Sekundarschule gilt als „kleine Gesamtschule“ und ermöglicht, bei steigenden Schülerzahlen in Zukunft wieder zur Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe zurückzukehren.

Standort der Oberstufe in der Kapellenstraße vormals städtisches Gymnasium

Der Stadtrat wird in den kommenden Wochen über die Umsetzung der Maßnahmen entscheiden. Eltern, Lehrkräfte und Schulträger stehen nun vor der Herausforderung, die notwendige Schülerzahl für die Gesamtschule zu erreichen, um die bewährte Schulform zu erhalten. Sollte dies nicht gelingen, würde die Sekundarschule als Notfalllösung den Fortbestand eines umfassenden und integrativen Schulangebots in Bad Driburg sichern.


Ein Kommentar

Alexander Bieseke

Das wohlmögliche Scheitern kommt nicht überraschend


Die aktuelle Debatte um den Fortbestand der Gesamtschule Bad Driburg ist emotional, kontrovers – und für viele keineswegs überraschend. In Leserzuschriften und Gesprächen melden sich nun auch frühere Akteure zu Wort, die den Niedergang als Ergebnis jahrelanger Fehlentscheidungen bewerten.


Ein ehemaliger Stadtverordneter spricht von einer „depp­erten Schulpolitik“ und verweist auf Entscheidungen, die weit vor der aktuellen Anmeldekrise liegen. Die Schließung der Grundschule in Neuenheerse, um andere Standorte zu stabilisieren, habe dazu geführt, dass sich ganze Schülerströme aus dem Umland vom Standort Bad Driburg gelöst hätten.

„Das führte zur Abwanderung der Schüler aus Lichtenau, Herbram und Herbram-Wald“, so der Vorwurf. Damit sei eine wichtige Grundlage für stabile weiterführende Schulen langfristig zerstört worden.

Einst ging man schulpolitisch gemeinsame Wege. Bürgermeister Jürgen Wessels und Bürgermeister Burkhard Deppe.
Aus Bildquelle: Annika Falk

Besonders schwer wiegt aus seiner Sicht der Umgang mit dem Teilstandort Altenbeken. Dort sei – so der Vorwurf – mit der damaligen Schulleitung der Gesamtschule zunächst ein gleichberechtigter Teilstandort zugesichert worden, um die notwendige Schülerzahl zu erreichen. „Nach einem halben Jahr wurde der Teilstandort dann aufgegeben – angeblich aus organisatorischen Gründen. Als ob man das nicht vorher gewusst hätte“, heißt es. Die Folge: Altenbeken habe sich eigenständig organisiert und eine Realschule gegründet. Schülerinnen und Schüler, die heute in Bad Driburg fehlen.

Hinzu komme eine Konkurrenzsituation, die politisch nie ehrlich thematisiert worden sei. Die stark nachgefragten Privatschulen St. Xaver und St. Kaspar entzögen dem öffentlichen System leistungsstarke und sozial privilegierte Schüler – bei gleichzeitig hoher staatlicher Förderung. „Die sichern sich die (vermeintlich) leistungsbesseren Schüler oder die aus besseren Kreisen“, so der ehemalige Stadtverordnete. Für die öffentlichen Schulen bleibe am Ende ein immer schwieriger werdendes Klientel.

Eine ehemalige Lehrerin formuliert es noch schärfer. Für sie ist die aktuelle Diskussion „kalter Kaffee“. Die Stadtpolitik habe sich weder für die frühere Hauptschule noch für die Gesamtschule ernsthaft eingesetzt. „Die Hauptschule wurde den Türken und Russlanddeutschen überlassen. Die bleiben jetzt weg“, sagt sie provokant – eine Aussage, die weniger über Migrantinnen und Migranten als über die damalige bildungspolitische Haltung aussagt. Die Gesamtschule sei aus ihrer Sicht zur „Restschule“ geworden: für diejenigen, „die St. Xaver und St. Kaspar nicht will“.

Diese Stimmen sind hart, teilweise polemisch – aber sie verweisen auf einen Kern der Debatte: Die Krise der Gesamtschule ist nicht allein ein Problem fehlender Anmeldungen im Jahr 2026. Sie ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen Strukturwandels, politischer Halbherzigkeit und eines Schulwettbewerbs, den die Stadt Bad Driburg nie aktiv gestaltet, sondern meist nur verwaltet hat.

Der im September neu gewählte Rat steht nun vor der Aufgabe, die Schule zu retten oder geordnet umzubauen. Doch selbst wenn eine Sekundarschule entsteht oder die Gesamtschule fortgeführt wird: Ohne eine ehrliche Aufarbeitung der Vergangenheit und ohne eine klare Position zur Rolle privater Schulträger, zur sozialen Durchmischung und zur Attraktivität öffentlicher Schulen wird sich das Grundproblem nicht lösen.

Dass frühere Generationen hier einst erfolgreich Bildungsstandorte aufgebaut haben – wie etwa die Entwicklung des Gymnasiums zum Vollgymnasium Ende der 1960er-Jahre – zeigt: Schulpolitik kann gestalten. Sie muss es aber auch wollen.
Der aktuelle Zustand der Gesamtschule ist daher weniger ein Betriebsunfall als ein politisches Ergebnis. Und genau daran wird sich der Rat am 26. Januar messen lassen müssen.

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