Als Ellen MEYER verschleppt und ermordet wurde

Hintergrund ist der heutige Jahrestag der Deportation von jüdischen Mitbürgern in das Ghetto Theresienstadt. 

Ein Rückblick mit Andreas Amstutz

Bad Driburg. Am 28. Juli jährt sich zum 79sten Mal die Deportation der 13-jährigen Bad Driburger Schülerin Ellen MEYER in das Ghetto Theresienstadt.

Quelle: Stadtarchiv Detmold, Ausschnitt aus Foto StA DT V 19 Nr. 176, Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Lippe e. V., digitales Gedenkbuch.

Gemeinsam mit ihrer Schwester Irene, ihren Eltern Henriette und Julius, ihren Großeltern Lehmann und Sara MÜLLER sowie weiteren fünf Bad Driburgern musste sie an diesem Dienstag aufgrund einer “Evakuierungsverfügung” und unter polizeilicher Aufsicht den Zug vom Bad Driburger Bahnhof nach Altenbeken besteigen. Abfahrt war um 10.11 Uhr. Zwischenziel war das Sammellager „Kyffhäuser“ am Kesselbrink in Bielefeld. Von dort ging es am 31. Juli 1942 per Sammelzug gemeinsam mit insgesamt 925 jüdischen Mitbürgern aus Ostwestfalen nach Theresienstadt. Für Ellen war es eine Reise ohne Wiederkehr. Zurück blieben die Erinnerungen an eine zunächst glückliche Kindheit. Ein Koffer mit dem Nötigsten, etwas Reiseproviant und eine Wolldecke war alles, was man mitnehmen durfte.

Das Krematorium des Konzentrationslagers
Quelle: https://www.pamatnik-terezin.cz/
Theresienstadt liegt etwa sechzig Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Prag.
Quelle: https://www.pamatnik-terezin.cz/

Hintergrund war die seit etwa 1941 vom nationalsozialistischen Reichssicherheitshauptamt in Berlin organisierte Massendeportation in verschiedene Ghettos oder direkt in die Vernichtungslager. Nach Theresienstadt wurden zwischen 1942 und 1944 aus dem gesamten Reichgebiet 141.184 jüdische Mitbürger verschleppt, davon starben im Ghetto schon allein etwa 33.000, weitere 88.000 wurden bis 1944 in die Vernichtungslager, insbesondere Auschwitz, deportiert und dort ermordet.

Ellen MEYER wurde am 27. April 1929 geboren. Mit ihrer Familie wohnte sie jahrelang in der Schulstraße gegenüber der Synagoge. Sie besuchte zunächst die Katholische Volksschule. Ab 1939 wurde im gesamten Deutschen Reich der Schulbesuch jüdischer Kinder in öffentlichen Schulen verboten. Daher musste Ellen ab 1940 die nächstgelegene jüdische Schule in Detmold besuchen. Dort war sie mit anderen Mitschülern in einer Pension bei Paula Paradies untergebracht. Im März 1942 mussten schließlich alle jüdischen Schulen im Reich schließen.

Sie lebten unter uns. Sie sollten nicht vergessen werden.

Karl Brinkmöller

Im Ghetto Theresienstadt waren die Lebens- und Wohnverhältnisse sehr schlecht. Meist teilten sich mehrere Familien eine Wohnung. Lebensmittel waren rationiert. Eine medizinische Versorgung war so gut wie nicht vorhanden. Darunter litten insbesondere Alte, Kranke und Kinder. Aufgrund dieser Umstände verstarben dort von den aus Bad Driburg deportierten Mitbürgern Laura TREPP, Berta MAY, Ellens Großvater Lehmann MÜLLER, Moses und Philippine SCHIFF.

Ellen, Schwester Irene, Mutter Henriette, Vater Julius und Siegfried MAY wurden am 09. Oktober 1944 von den Nationalsozialisten „planmäßig“ in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Bei der Ankunft am 10. Oktober 1944 wurde Schwester Irene zur Zwangsarbeit eingeteilt. Alle anderen wurden unmittelbar zu den Gaskammern verbracht und dort ermordet. Irene wurde am 15. April 1945 von den Alliierten befreit, verstarb aber ein Jahr später an den Folgen von Unterernährung und Typhus in einem schwedischen Sanatorium. Einzige Überlebende des Holocaust aller am 28. Juli 1942 deportierten Juden war Ellens Großmutter Sara MÜLLER. Sie wurde einem glücklichen Umstand zur Folge im Februar 1945 freigekauft und konnte in die Schweiz emigrieren. Dort verstarb sie 1948.

Karl BRINKMÖLLER, mittlerweile verstorbener Zeitzeuge, hat sich jahrelang um das Erinnern an das Schicksal der Bad Driburger Juden eingesetzt. Er sagte einmal: “Sie lebten unter uns. Sie sollten nicht vergessen werden.“



Quellen wenn nicht direkt angegeben:
•Arolsen Archives, International Center on Nazi Persecution, Internet: www.arolsen-archives.org
•Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, marixverlag, Gottwaldt/Schulte; ISBN9783865390592
•Institut Terezinské iniciativy, www.holocaust.cz
•Yad Vashem, Online-Datenbank der Internationales Holocaust Gedenkstätte, Internet: www.yadvashem.org/de
•Neue Züricher Zeitung NZZ, Online-Ausgabe vom 09.02.2015
•www.statistik-des-holocaust.de
•Karl Brinkmöller, Bad Driburg, privates Archiv
•Heimatverein Bad Driburg, Aus der Heimatkunde der Stadt Bad Driburg – Schriftenreihe des Heimatvereins
•Deutsche Reichsbahn, Deutsches Kursbuch 1942, www.deutsches-kursbuch.de
•Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Lippe e. V., digitales Gedenkbuch, www.gedenkbuch-detmold.de

Titelbild Montage BDiB: Ellen Meyer – im Hintergrund ein Brennofen des Krematoriums in Theresienstadt

Infobox

Die nationalsozialistische Besatzungsmacht nutzte die Festung Theresienstadt als Ghetto bzw. Konzentrationslager und präsentierte sie der Weltöffentlichkeit als so genannte jüdische Mustersiedlung.

Die ersten Juden wurden im November 1941 nach Theresienstadt deportiert. Im Ghetto Theresienstadt wurden insgesamt 140.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder gefangen gehalten, die Hälfte der Gefangenen kam aus dem Protektorat Böhmen und Mähren, weitere Gruppen bildeten jüdische Häftlinge aus Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Dänemark, der Slowakei und Ungarn.

Vom Ghetto aus wurden die Juden in die Vernichtungslager im Osten deportiert. Der erste Transport erfolgte im Januar 1942. Dem Internationalen Roten Kreuz wurde Theresienstadt am 23. Juli 1944 als Musterlager vorgeführt.

Am Ende des Krieges wurden über 15.000 Häftlinge in das Ghetto deportiert, die aus den östlich gelegenen Konzentrations- und Vernichtungslagern evakuiert worden waren.

Im Gestapo-Gefängnis, das in der Kleinen Festung untergebracht war, waren etwa 32.000 Menschen inhaftiert, die vor allem aus den böhmischen Ländern (ungefähr neunzig Prozent) stammten.

Quelle: https://www.pamatnik-terezin.cz/

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