Nach dem Du kommt das Arschloch – oder die Pflicht zur Haltung [Kolumne]

Alexander Bieseke

Das Du ist auf dem Vormarsch. In Verwaltungen, in politischen Gremien, am Arbeitsplatz, in Schulen – und längst auch im Journalismus. Was früher klare Formen kannte, wird heute gern aufgelockert. Persönlicher, direkter, moderner soll es sein.

Doch je mehr wir uns duzen, desto drängender wird eine Frage: Was tritt an die Stelle der Distanz, wenn das formale Schutzgeländer wegfällt?

In der Verwaltung und im Umgang zwischen Stadtverordneten ist das Du ein schmaler Grat. Zusammenarbeit braucht Offenheit, keine Frage. Aber Verwaltung ist keine Clique, Kommunalpolitik kein Stammtisch. Wo das Du Nähe suggeriert, können Rollen verschwimmen. Kritik wird schneller persönlich genommen, Sachfragen emotionalisiert. Demokratie aber lebt von klaren Zuständigkeiten und professioneller Distanz – nicht von Kumpelhaftigkeit im Sitzungssaal.

Auch am Arbeitsplatz ist das Du kein Garant für ein gutes Miteinander. Flache Hierarchien werden gern sprachlich unterstrichen, doch Machtverhältnisse verschwinden nicht, nur weil man sie duzt. Wer beurteilt, entscheidet oder sanktioniert, bleibt in dieser Rolle – egal welches Pronomen verwendet wird. Wenn das Du dazu führt, dass Kritik weichgespült oder Erwartungen nicht mehr klar benannt werden, entsteht Unsicherheit. Nähe ersetzt keine Verantwortung.

Besonders sensibel ist das Duzen in Schulen, zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern. Nähe kann Vertrauen schaffen, ja. Aber Schule ist kein Freundeskreis, sondern ein Schutz- und Lernraum mit klaren Rollen. Dass früher selbst die Eltern von Lehrkräften konsequent gesiezt wurden, war kein Ausdruck von Kälte, sondern von Respekt vor Zuständigkeiten. Lehrkräfte unterrichteten, Eltern begleiteten – die Rollen waren klar getrennt. Heute, wo sich alle duzen, verschwimmt diese Grenze zunehmend. Autorität wird infrage gestellt, Entscheidungen werden persönlicher genommen, Konflikte schneller emotional. Das Du mag niedrigschwellig wirken, doch es kann auch die Verbindlichkeit untergraben, die Schule braucht.

Und dann ist da der Journalismus. Das Du zwischen Journalistinnen und Journalisten und den Menschen, über die berichtet wird, ist vielleicht das heikelste Feld. Journalismus braucht Nähe, um Informationen zu bekommen – aber noch mehr Distanz, um glaubwürdig zu bleiben. Wer sich duzt, formuliert schneller wohlwollend, fragt weniger hart nach, lässt eher etwas durchgehen. Aus professioneller Unabhängigkeit wird persönliche Rücksichtnahme. Gerade im Lokalen, wo man sich kennt und begegnet, schützt das Sie nicht nur die journalistische Rolle, sondern auch das Vertrauen der Leserinnen und Leser.

Nun ließe sich einwenden: Andere Sprachen kennen das „Sie“ gar nicht. Englisch, skandinavische Sprachen, viele weitere kommen ohne formelle Anrede aus – und dennoch funktioniert dort Respekt. Das stimmt. Aber diese Kulturen ersetzen das fehlende Sie nicht durch Beliebigkeit. Respekt entsteht dort über Tonfall, Wortwahl, Zurückhaltung, Titel, klare Rollen und unausgesprochene Regeln. Nähe heißt dort nicht automatisch Verfügbarkeit. Kumpelhaftigkeit gilt oft sogar als unhöflich.

Das zeigt: Das Sie ist nicht der Respekt – es ist nur ein Werkzeug dafür. Wer es abschafft, muss etwas an seine Stelle setzen. Genau hier liegt unser Problem. In unserer Gesellschaft wird das Sie oft fallengelassen, ohne dass neue, verbindliche Umgangsformen etabliert werden. Das Ergebnis ist Nähe ohne Haltung. Und genau dann entsteht jener Satz, der so derb wie treffend ist:

„Nach dem Du kommt das Arschloch.“

Nicht, weil das Du schlecht wäre. Sondern weil Respekt keine grammatische Selbstverständlichkeit ist. Er muss gelebt werden – besonders dort, wo Macht, Verantwortung und Öffentlichkeit im Spiel sind.

Vielleicht sollten wir das Sie wieder als das begreifen, was es sein kann: kein Zeichen von Kälte, sondern von Klarheit. Und wo wir darauf verzichten, zum Beispiel auf Socialmedia, müssen wir umso bewusster zeigen, was es ersetzen soll. Denn eines gilt überall – im Rathaus, im Büro, im Klassenzimmer und in der Presse:

Nicht das Du macht menschlich.
Nicht das Sie macht distanziert.
Aber fehlende Haltung macht beides gefährlich.


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