Doris Dietrich
Bad Driburg. Im Rahmen eines Austauschprogramms erlebte der 17-jährige Robin Günzel spannende Wochen in Estland. Vor kurzem berichtete er in der Stadtbücherei Bad Driburg über seine Erfahrungen und Eindrücke. Rund 30 interessierte Gäste, darunter Familie und Freunde von ihm folgten seinem Vortrag.


Silke Kampmann-Pitz begrüßte die Anwesenden. Sie freute sich, dass Robin über seinen Aufenthalt in Estland spricht. Viele junge Leute zieht es zum Schüleraustausch in die klassischen Länder wie die USA oder Australien. Mit Estland hat Robin ein interessantes europäisches Land gefunden.
Wolfgang Hentschel als ein Vertreter von „Pulse of Europe“ leitete den Nachmittag ein. 2016 wurde diese überparteiliche Bürgerinitiative gegründet, die sich seitdem für ein geeintes und demokratisches Europa einsetzt.
Danach stellte sich Robin Günzel kurz vor: „Ich bin Schüler der Gesamtschule Bad Driburg und lerne zurzeit in der 11. Klasse.“ Zu seinem Vortrag hatte er eine umfangreiche Präsentation erarbeitet. Damit gestaltete er seinen Bericht anschaulich, lebendig und gut nachvollziehbar. Stolz trug er dabei ein T-Shirt mit der Aufschrift „Experiment“, dem Namen seiner Austauschorganisation.
Estland ist das nördlichste der drei baltischen Staaten. Das Land ist seit 2004 Mitglied der Europäischen Union. Robin zeigte sich besonders beeindruckt vom hohen Stand der Digitalisierung und dem Nationalstolz der Esten.
Er berichtete über den Ablauf seines Austauschjahres. Dazu gehörten die Bewerbung, ein Vorbereitungsseminar und der Start im August 2024. Der Unterricht dort fand überwiegend auf Estnisch statt. Die Sprache sei nicht einfach, erklärte Robin. Es gebe kein grammatisches Geschlecht, dafür aber 14 grammatische Fälle und einige andere Buchstaben.
Zu Beginn seines Jahres nahm Robin an einem dreitägigen Ankunftscamp teil. Dort lernte er die anderen Austauschschüler kennen, die u.a. aus Taiwan, Italien, Japan und Australien kamen. Das Schuljahr beginnt traditionell am 1. September. Am ersten und letzten Schultag erhalten die Lehrer Blumen von ihren Schülern; sie werden sehr geachtet und geehrt.
Im Gegensatz zu Deutschland war das Klima herausfordernd. So stellte der Winter eine besondere Erfahrung dar, denn die Temperaturen lagen zwischen minus 15 und minus 24 Grad. Den ersten Schnee erlebte Robin bereits im Oktober.
Die Gastfamilie wohnte in Kadrina, einem Ort mit rund 4000 Einwohnern. Hier ging er auch zur Schule. Das Leben in der Gastfamilie brachte viel Erfahrung und Freude. „Wir sprachen estnisch und ich lernte viel über das Leben im fremden Land. Mit meiner Gastfamilie stehe ich auch noch heute im Austausch“, berichtete er.
Der Unterricht erfolgte überwiegend frontal – im Unterschied zum deutschen Schulsystem. Dennoch war der Unterricht abwechslungsreich, so durch sportliche Angebote wie Basketball oder Skifahren. Langlauf ist im Winter sehr beliebt.
Einige Zuhörer staunten, als Robin vom estnischen Notensystem erzählte. Es unterscheidet sich vom deutschen, denn die beste Note ist die Fünf, die schlechteste Note die Eins. Es gibt zwölf Klassenstufen. Nach der 9. Klasse ist ein Schulabschluss möglich.
Robin berichtete anschaulich von zahlreichen Ausflügen. Diese führten ihn u.a. in die Hauptstadt Tallinn und nach Tartu zu einem Luftfahrtmuseum.
„Meine absolute Lieblingsstadt ist Haapsalu. Dort besuchten wir das schwedische Museum. Ich erinnere mich an ein kurzes aber eindrucksvolles Feuerwerk zum Jahreswechsel.“ Rummu ist ein ehemaliger Kalksteinbruch, in dem sich nach der Schließung eines Gefängnisses ein See bildete, der heute für sein kristallklares Wasser und die überfluteten Gefängnisruinen bekannt ist. Ein weiteres Highlight war das Mukri-Hochmoor, das auf Holzstegen durchquert wird.
Narva, die Grenzstadt zwischen Estland und Russland, hinterließ einen nachhaltigen Eindruck. Hier verläuft die Außengrenze der EU. Am Grenzübergang wehten auf estnischer Seite drei Fahnen: die blau-schwarz-weiße estnische Flagge, die EU-Flagge und die gelb-blaue Fahne der Stadt Narva. Auf der anderen Seite befindet sich die Stadt Iwangorod mit der russischen Flagge.

Bild: Robin Günzel


Höhepunkte waren die Ausflüge nach Helsinki, Riga und Stockholm, die die Austauschorganisation veranstaltete.
In Estland werden zwei Unabhängigkeitstage gefeiert. Der erste erinnert an das Jahr 1918, der zweite an die erneute Unabhängigkeit im Jahr 1991.
Aus dem Publikum kam die Frage nach der Religion. Robin erklärte, dass etwa 60 Prozent der Bevölkerung Atheisten seien. Ansonsten spiele auch die orthodoxe Kirche eine Rolle.
Für eine Überraschung sorgte eine Besucherin der Veranstaltung, als sie Robin etwas auf Estnisch fragte. „Ich komme aus Viljandi in Estland und bin seit 2003 in Deutschland – der Liebe wegen“, erzählte Raina. Heute wohnt sie in Nieheim und freute sich sehr, dass der Vortag viele Erinnerungen an ihre Heimat weckte.
Spontanen Applaus gab es, als Robin seiner Patentante herzlich dankte, die ihn finanziell unterstützte und ihm das Austauschjahr erst ermöglichte.
Zum Abschluss berichtete Robin, was sich für ihn durch das Austauschjahr verändert hat. Seine Sicht auf die Welt habe sich erweitert. Er denke nun anders über seinen Berufswunsch nach. Außerdem habe er große Freude am Reisen entdeckt. „Ich bin vor kurzem nach Japan geflogen, um Freunde aus meiner Austauschzeit wiederzutreffen.“
Der interessante Nachmittag klang bei Tee und Gesprächen aus.
Robin zeigte anschaulich, wie Jugendliche neue Horizonte erobern und Freundschaften auf der ganzen Welt knüpfen.
Imeline aeg Eestis – eine wunderbare Zeit in Estland.
Titelbild: Erinnerungen an sein Austauschjahr
Bild: Robin Günzel