⚠️ Triggerwarnung: Dieser Text behandelt sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen.
Alexander Bieseke
PADERBORN/Bad Driburg. Jahrzehntelanges Wegschauen, die Verschiebung von Tätern und eine tief verwurzelte spirituelle Manipulation: Die historische Untersuchung der Universität Paderborn zur sexuellen Gewalt im Erzbistum (1941–2002) zeichnet ein erschütterndes Bild der Ären Jaeger und Degenhardt.

Unter der Leitung der Historikerinnen Nicole Priesching und Christine Hartig wurde am Dienstag eine Studie veröffentlicht, die weit über eine bloße statistische Erfassung hinausgeht. Mit mindestens 160 beschuldigten Klerikern und 489 dokumentierten Opfern rückt das Ausmaß des Leids in den Fokus. Doch es sind vor allem die Stimmen der Betroffenen, die in dieser Untersuchung eine „große Leerstelle“ der offiziellen Kirchenakten füllen.
Das System der „Zweiten Verletzung“
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die Perfektionierung der Vertuschung. Betroffene schildern in Interviews, wie sie versuchten, sich ihren Familien oder kirchlichen Instanzen anzuvertrauen – und oft auf eine Mauer aus Unverständnis stießen. In einem streng katholischen Milieu galt der Priester als unantastbar.
Besonders perfide: Die Praxis der Versetzung. „Anstatt den Schutz der Kinder zur Priorität zu machen, wurde die Institution geschützt“, so die Forscherinnen. Ein Betroffener berichtet etwa, wie er miterleben musste, dass sein Peiniger lediglich in eine Nachbargemeinde versetzt wurde, um dort kurze Zeit später wieder mit Kindern zu arbeiten.
Diese Ignoranz der Bistumsleitung wird von vielen Opfern als eine „zweite Verletzung“ oder Retraumatisierung empfunden.
Missbrauch im Schatten des Altars
Die konkreten Taten, die in der Studie dokumentiert werden, reichen von systematischer Anbahnung (Grooming) bis hin zu schwerster sexueller Gewalt, einschließlich Penetration. Besonders erschreckend ist die Rolle der Religion als Tatwerkzeug:
* Beichtstuhl als Tatort: Kleriker nutzten das Beichtgeheimnis, um Kinder zum Schweigen zu zwingen.
* Spiritueller Missbrauch: Gewalt wurde oft als „göttliche Liebe“ oder „besonderes Geheimnis“ umgedeutet.
* Machtgefälle: In Internaten und Ferienlagern waren Kinder den Tätern schutzlos ausgeliefert, da diese gleichzeitig Lehrer, Seelsorger und Beichtväter waren.
Reinhold Harnisch: Vom Opfer zum Mahner
Stellvertretend für viele steht der Name Reinhold Harnisch. Als Sprecher der Betroffenenvertretung begleitete er die Studie von Beginn an. Sein Engagement verdeutlicht den Wandel: Vom Kind, dem die Sprache für das Erlebte fehlte, zum Mann, der heute Transparenz einfordert. Harnisch kritisierte in der Vergangenheit wiederholt die „Trägheit“ der kirchlichen Aufarbeitung. Ohne den Mut von Menschen wie ihm, so die Autorinnen, wären die „Stimmen derer, die in der kirchlichen Überlieferung bislang keine Stimme hatten“, für immer verloren geblieben.
Fazit und Ausblick
Die Studie macht deutlich: Missbrauch im Erzbistum Paderborn war kein Problem „einzelner schwarzer Schafe“, sondern wurde durch ein autoritäres System und ein wegschauendes Umfeld ermöglicht.
Das Erzbistum Paderborn hat bereits angekündigt, die Ergebnisse als Grundlage für weitere Entschädigungen und institutionelle Reformen zu nutzen. Doch für viele Betroffene bleibt die Wunde tief. „Das Vergangene ist nicht tot. Es ist nicht einmal vergangen“, zitiert die Einleitung der Studie William Faulkner – ein Satz, der das Lebensgefühl der Opfer im Erzbistum kaum treffender beschreiben könnte.


Was passierte hinter diesen Mauern?
1. Massive sexuelle Gewalt und Übergriffe
Penetration: Dokumentiert sind Fälle von vaginalem und analem Verkehr sowie oraler Sex (Fellatio).
Schwere sexuelle Handlungen: Dazu zählen das Einführen von Fingern oder Gegenständen sowie die Nötigung der Kinder zu sexuellen Handlungen am Körper des Klerikers.
Masturbation: Kleriker masturbierten vor den Kindern oder zwangen diese zur Masturbation am Täter.
2. Grenzverletzungen und „Anbahnung“ (Grooming):
Die Studie beschreibt, dass schwere Gewalt oft durch eine schrittweise Entgrenzung vorbereitet wurde:
Unangemessene Berührungen: Streicheln, „Kuscheln“ oder das Setzen auf den Schoß, oft unter dem Vorwand väterlicher Zuneigung oder religiöser Segnung.
Berührungen im Intimbereich: Grapschen an Geschlechtsorgane oder Brüste (auch über der Kleidung).
Nacktheit: Gemeinsames Baden, Duschen oder das Beobachten der Kinder beim Ausziehen (oft in Internaten oder auf Ferienfreizeiten).
3. Psychische und spirituelle Gewalt:
Ein besonderes Merkmal der Taten im Erzbistum Paderborn war die Verknüpfung mit dem Glauben:
Beichtsituationen: Missbrauch fand häufig im Beichtstuhl oder im Rahmen der geistlichen Begleitung statt. Der Täter nutzte das Beichtgeheimnis, um das Opfer zum Schweigen zu verpflichten.
Religiöse Deutung: Den Kindern wurde suggeriert, die Handlungen seien ein besonderes „Geheimnis“, eine Form der „göttlichen Liebe“ oder eine notwendige Prüfung.
4. Drohungen: Den Opfern wurde mit der „Hölle“, dem Entzug der Erstkommunion oder dem Ausschluss aus der Gemeinschaft (z.B. Messdiener) gedroht, sollten sie sich offenbaren.
Orte der Handlungen:
Konkret benannt werden als Tatorte:
Pfarrhäuser und Sakristeien: Oft während der Vorbereitung auf den Dienst als Messdiener.
Privatwohnungen: Wenn Kinder zu „Hilfsdiensten“ oder zum Nachhilfeunterricht eingeladen wurden.
Ferienfreizeiten und Zeltlager: Hier bot die räumliche Enge und die Abwesenheit der Eltern den Tätern leichten Zugang.
Beichtstühle: Als Orte, an denen körperliche Nähe erzwungen wurde.
Statistische Einordnung
Die Studie erfasste für den Zeitraum bis 2002 insgesamt mindestens 160 beschuldigte Kleriker und 489 Betroffene. Die Dunkelziffer wird jedoch als weitaus höher eingeschätzt, da viele Akten vernichtet wurden oder Betroffene sich aus Scham nie meldeten.
Hinweis: Diese Details stammen aus der historischen Aufarbeitung der Universität Paderborn, die das Ziel verfolgt, das System der Vertuschung und das Leid der Opfer durch Fakten sichtbar zu machen.