Resilienz liegt auch im Lachen
Alexander Bieseke
Es gibt Jahre, in denen sich das Lachen leichter anfühlt. Und es gibt Jahre wie diese. Kriege, wirtschaftliche Sorgen, politische Spannungen, Sicherheitsdebatten – die Welt wirkt fragil, verletzlich, aufgewühlt. Und mittendrin ziehen wieder Wagen durch die Straßen, erklingen Büttenreden, werden Orden verteilt, Gläser gehoben. Karneval.
Ist das Flucht? Verdrängung? Oder vielleicht etwas viel Tieferes?
Karneval war nie nur Klamauk. Seine Wurzeln reichen weit zurück – bis in die antiken Feste, in denen für kurze Zeit die Welt auf den Kopf gestellt wurde. Herren dienten Knechten, Regeln wurden gebrochen, Masken erlaubten Wahrheiten. Im Mittelalter wurde daraus die „verkehrte Welt“, später ein fest eingebetteter Bestandteil der christlichen Tradition vor der Fastenzeit. Organisierte Formen entstanden im 19. Jahrhundert, besonders im Rheinland – etwa in Köln, wo 1823 das erste Festkomitee gegründet wurde. Von dort aus entwickelte sich eine lebendige Kultur, die heute Städte wie Düsseldorf und Mainz prägt – und längst auch Regionen wie Ostwestfalen-Lippe erreicht hat.
Doch in Krisenzeiten bekommt Karneval eine andere Farbe. Er wird zum Trotz. Zum kollektiven „Jetzt erst recht“. Wenn Sicherheitskonzepte verschärft werden, wenn Polizisten in großer Zahl präsent sind, wenn Anschlagsdrohungen im Raum stehen – und dennoch Menschen am Straßenrand stehen, Kamelle fangen, lachen – dann ist das mehr als Folklore. Es ist ein Bekenntnis: Wir lassen uns das Gemeinsame nicht nehmen.
Und doch bleiben Fragen.
Fröhlichkeit ist ein Gesundbrunnen für Leib, Seele und Geist – das wissen wir. Lachen verbindet, entlastet, heilt. Aber was ist mit der Fröhlichkeit, die wir uns anziehen wie ein Kostüm? Mit dem Lächeln, das vielleicht mehr Pflicht als Gefühl ist? Zwischen Konfetti und Musik liegt manchmal auch die Sehnsucht nach echter Nähe.
Geht man ab Aschermittwoch wieder getrennte Wege? Wird der Schalter zurückgelegt – von offen auf reserviert, von herzlich auf distanziert? Werden aus „Kumpels“ wieder Konkurrenten, aus Umarmungen wieder höfliche Nicken?
Vielleicht zeigt uns der Karneval weniger, wie ausgelassen wir sein können – sondern wie sehr wir uns nach Unbeschwertheit sehnen.
Auch der Alkohol spielt dabei eine Rolle. Er senkt Hemmungen, löst Zungen, schafft vermeintliche Nähe. Doch echte Gemeinschaft braucht keinen Promillewert. Wenn Stimmung nur mit Pegel funktioniert, war sie vielleicht nie wirklich da. Die stärksten Momente entstehen dort, wo Menschen sich ehrlich begegnen – nicht dort, wo sie sich betäuben.
Karneval ist Wirtschaftsfaktor, ja. Milliardenumsätze, Tourismus, Gastronomie. Er ist politisches Sprachrohr – besonders in den satirischen Wagen des Rosenmontagszugs, wo Mächtige karikiert und Krisen kommentiert werden. Aber vor allem ist er ein soziales Ritual. Eine kollektive Erinnerung daran, dass wir mehr sind als Schlagzeilen und Sorgen.
Vielleicht liegt seine größte Kraft darin, für ein paar Tage sichtbar zu machen, wie Gemeinschaft aussehen könnte: offen, humorvoll, weniger nachtragend. Die Frage ist nicht, ob wir feiern dürfen in schwierigen Zeiten. Die Frage ist, ob wir etwas von dieser Offenheit hinüberretten in den grauen Alltag.
Karneval ist kein Weltrettungsprogramm. Er beendet keine Kriege, senkt keine Preise, löst keine globalen Konflikte. Aber er erinnert uns daran, dass Resilienz auch im Lachen liegt. Dass Widerstand manchmal bunt ist. Und dass Lebensfreude kein Verrat an der Ernsthaftigkeit der Welt ist – sondern eine Voraussetzung, um sie auszuhalten.
Vielleicht beginnt der wahre Karneval nicht am 11.11.
Vielleicht beginnt er am Tag danach –
wenn wir entscheiden, ob wir ein Stück dieser Fröhlichkeit behalten.
Drilau!