Alexander Bieseke
Die Frage klingt einfach, ist aber hochkomplex: Warum verkauft ein Supermarkt Produkte von Konzernen, die moralisch umstritten sind?
Genau diese Debatte hat der Edeka-Markt Wollny mit seiner ausführlichen Stellungnahme zur Forderung, Müller Milch, Fleischprodukte, Tabak und Alkohol aus dem Sortiment zu nehmen, neu entfacht.

Feuerwerk raus – Moral rein?
Der Markt verweist zunächst auf ein Beispiel, das zeigt, dass moralische Entscheidungen durchaus möglich sind: Seit Jahren verzichtet man freiwillig auf den Verkauf von Feuerwerksartikeln. Nicht nur aus Überzeugung der Mitarbeitenden, sondern auch, weil Feuerwerk kein Kernprodukt eines Lebensmittelmarktes darstellt und für Kundinnen und Kunden leicht anderswo erhältlich ist.
Dieser Punkt wird in den Kommentaren häufig positiv hervorgehoben. Viele loben den Mut zur Haltung und sehen darin ein Zeichen, dass wirtschaftliches Handeln und Werte kein Widerspruch sein müssen.
Wo Moral an wirtschaftliche Grenzen stößt
Doch genau hier setzt die Gegenargumentation des Marktes an: Ein Supermarkt ist kein politisches Projekt, sondern ein Wirtschaftsbetrieb. Personal, Miete, Lieferanten – all das muss bezahlt werden. Produkte wie Alkohol, Tabakwaren oder bekannte Marken der Molkerei Müller gehören für viele Kundinnen und Kunden zum erwarteten Standardsortiment.
In den Kommentaren zeigt sich an dieser Stelle eine klare Spaltung:
Befürworter verstehen, dass ein Markt mit Edeka-Logo nicht einfach auf ganze Warengruppen verzichten kann, ohne massive Umsatzeinbußen zu riskieren.
Kritiker entgegnen, dass „wirtschaftliche Zwänge“ allzu oft als Ausrede genutzt würden, um notwendige Veränderungen aufzuschieben.
Müller Milch: Symbol einer größeren Debatte
Am Beispiel Müller Milch wird das Dilemma besonders deutlich. Der Konzern ist heute mit zahlreichen Marken präsent und hält in manchen Segmenten Marktanteile von über 30 Prozent. Ein kompletter Verzicht würde bedeuten, ganze Regalreihen zu leeren.
Viele Kommentare betonen: Wenn Müller ausgelistet wird, müssten konsequenterweise auch Nestlé, Unilever oder andere Großkonzerne folgen. Andere wiederum argumentieren, gerade große Händler hätten die Macht, ein Zeichen zu setzen – selbst wenn es kurzfristig schmerzt.
Die unbequeme Wahrheit: Es gibt kein „moralisch reines“ Sortiment
Ein zentraler Punkt des Artikels – und auch der Diskussion – ist die Erkenntnis, dass nahezu jedes Sortiment moralische Bruchstellen enthält:
Kakao mit problematischen Lieferketten
Fleischproduktion mit unvermeidbarem Tierleid und Alkohol und Tabak als Gesundheitsrisiken.
Biobewegungen mit ideologisch belasteter Geschichte
Viele Kommentierende würdigen diese Offenheit. Statt einfacher Schuldzuweisungen wird anerkannt, dass Konsum in einer globalisierten Welt immer auch Kompromisse bedeutet.
Alternativen statt Verbote
Der Weg, den der Markt für sich wählt, lautet nicht Verzicht, sondern Ergänzung: Biofleisch, vegane Produkte, faire Schokolade, Reformhausartikel – zusätzlich zum klassischen Supermarktsortiment.
Hier findet sich der größte gemeinsame Nenner in den Kommentaren. Selbst kritische Stimmen erkennen an, dass Alternativen sichtbar gemacht und aktiv angeboten werden müssen, um Konsumentscheidungen zu verändern.
Der Einkaufszettel als Stimmzettel
Die vielleicht wichtigste Botschaft des Beitrags lautet: Veränderung entsteht nicht allein im Regal, sondern an der Kasse. Was gekauft wird, bleibt. Was liegen bleibt, verschwindet.
Diese Verantwortung an die Kundschaft zurückzugeben, wird kontrovers diskutiert:
Für die einen ist es ein ehrlicher Appell an Eigenverantwortung.
Für andere ein Abwälzen moralischer Pflichten auf den Einzelnen.
Der Beitrag des Edeka-Marktes Wollny liefert keine einfache Antwort – und genau das macht ihn bemerkenswert. Er zeigt die Spannungsfelder zwischen Moral, Marktwirtschaft und Kundenerwartung offen auf, ohne sich aus der Verantwortung zu stehlen.
Am Ende bleibt eine unbequeme Erkenntnis:
Die Frage, wie moralisch ein Supermarkt ist, entscheidet sich nicht allein an der Geschäftsleitung – sondern täglich, leise und konsequent, an jedem einzelnen Einkaufszettel.
Die Diskussion um moralisch fragwürdige Produkte im Supermarktregal dürfte sich dabei nicht nur gegen einzelne Marken oder Unternehmen richten. Sie betrifft zahlreiche Lebensmittelkonzerne und ganze Branchen, deren Produktionsweisen, Lieferketten oder Unternehmensgeschichten immer wieder kritisch hinterfragt werden.