Eine Lesermeinung

Ahmed Elshahawy

Bad Driburg/Nieheim. Momentan hat sich die öffentliche Diskussion über Integration und Bildung in Deutschland stark polarisiert. Oft bewegt sie sich zwischen zwei Sichten: Entweder werden ausschließlich wenige positive Beispiele hervorgehoben oder es werden nur negative Erfahrungen und Probleme erzählt. Zwischen diesen beiden Polen geht jedoch die Realität verloren – und damit auch die Chance, Lösungen zu entwickeln.

Wenn heute über Integration gesprochen wird, hört man den Satz:
Die Integration ist gescheitert.
Doch bevor wir zu solchen Schlussfolgerungen kommen, sollten wir uns fragen: Warum entstehen diese Probleme überhaupt?
Haben wir als Gesellschaft, als Institutionen und als Verantwortliche wirklich alles getan, um Integration erfolgreich zu gestalten?

Sind Mitarbeitende, Lehrkräfte sowie Führungspersonen und Entscheidungsträger ausreichend qualifiziert, geschult und unterstützt, um produktiv, verantwortungsvoll und lösungsorientiert zu handeln?
Gibt es nach Problemen eine ernsthafte Analyse, einen offenen Austausch oder schnelle Maßnahmen, die langfristige Schwierigkeiten verhindern können?

Eine einseitige Betrachtung – sei sie positiv oder negativ – hilft uns nicht weiter. Das Hervorheben von Erfolgen ist wichtig, aber ebenso wichtig ist es, über Schwierigkeiten offen zu sprechen und ihre Ursachen zu verstehen. Beides gehört zu einer verantwortungsvollen gesellschaftlichen Diskussion.

Wenn wir negative Vorfälle aus dem Alltag von Geflüchteten oder Migranten teilen, müssen wir uns gleichzeitig fragen:
Welche Maßnahmen wurden ergriffen, um solche Situationen zu verhindern?
Welche Mitarbeitenden, Lehrkräfte und auch Führungspersonen und Entscheidungsträger setzen sich engagiert, mutig und konstruktiv dafür ein, Lösungen zu finden und Verbesserungen umzusetzen?
Warum werden diese positiven Ansätze so selten öffentlich sichtbar?

Integration ist kein Prozess, der in eine Richtung verläuft. Sie ist eine gemeinsame Aufgabe, die Ehrlichkeit, Selbstkritik und vor allem Zusammenarbeit erfordert. Sie gelingt nur, wenn wir sowohl die positiven Fortschritte als auch die bestehenden Herausforderungen betrachten – und beides in den öffentlichen Dialog einbeziehen.

Mein Appell lautet daher:
Lassen wir die Schwarz-Weiß-Perspektive hinter uns. Stellen wir die richtigen Fragen. Suchen wir gemeinsam nach Wegen, wie wir Integration und Bildung in Deutschland nachhaltig stärken können.
Nur mit einem offenen, differenzierten Blick können wir die Zukunft gestalten – hier in Höxter und weit darüber hinaus.


Ahmed Elshahawy, 1992 in Ägypten geboren, kam 2016 nach Deutschland. Nach Studien in Kairo und einem Master in Kulturwissenschaften (Uni Vechta) ist er heute Doktorand an der Universität Kassel. Beruflich war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Paderborn und arbeitet aktuell als Projektleiter bei der Kreishandwerkerschaft Höxter-Warburg, wo er Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung beim Einstieg ins Handwerk unterstützt. Mittlerweile lebt er mit seiner Frau und seiner Tochter im benachbarten Nieheim. Elshahawy engagiert sich u. a. als Mitbegründer des Vereins Boqruss.

1 Gedanke zu „Eine Lesermeinung“

  1. Ein wichtiger und realistischer Beitrag, der einen oft übersehenen Aspekt in der Diskussion über Integration und Bildung hervorhebt. Tatsächlich liegt das Problem nicht in der Integration selbst, sondern darin, dass es häufig an professionellem Umgang und ausreichender Unterstützung für die zuständigen Stellen fehlt.

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