Unten hält man Werte lebendig – oben werden sie zu oft verspielt
Ein Kommentar von Alexander Bieseke

Bad Driburg. Der 9. November 1938 steht als Wendepunkt in der deutschen Geschichte. In jener Nacht brannten in ganz Deutschland Synagogen, jüdische Geschäfte wurden zerstört, Menschen misshandelt, verschleppt und ermordet.
Es war die sogenannte „Reichspogromnacht“ – der Beginn der offenen, systematischen Gewalt gegen Jüdinnen und Juden. Sie markiert den Übergang von Diskriminierung zu Vernichtung, von Worten zu Taten.
Diese Nacht war kein Zufall, sondern das Ergebnis eines Systems, das über Jahre hinweg Hass geschürt, Menschen entmenschlicht und Wahrheit durch Propaganda ersetzt hatte. Das nationalsozialistische Regime zerstörte die moralischen Grundlagen des Zusammenlebens – und mit ihnen die Werte von Respekt, Menschlichkeit und Gerechtigkeit.”
Auch Bad Driburg blieb von dieser Entwicklung nicht unberührt. Zeitzeugenberichte zeigen, wie tief der Nationalsozialismus in das alltägliche Leben eingedrungen war.
In der ehemaligen Stadt- und Amtsverwaltung in der Schulstraße – direkt neben der damaligen Volksschule – wurde von Nationalsozialisten besetzt und mit Hakenkreuzfahnen beflaggt. Menschen standen auf den Straßen, sahen zu, grüßten mit dem Hitlergruß. Was damals geschah, verdeutlicht, wie leicht Gleichgültigkeit und Wegsehen zu Mittäterschaft werden können.
Doch Erinnern heißt nicht nur zurückzublicken
Es bedeutet auch, die Gegenwart kritisch zu betrachten.
Heute erleben wir erneut, wie demokratische Werte nicht nur von extremen Parteien sondern auch durch Machtgier, Bestechlichkeit und Verantwortungslosigkeit beschädigt werden. Während unten, an der Basis – in Vereinen, Initiativen, Schulen und Nachbarschaften – unzählige Menschen ehrenamtlich für Zusammenhalt, Respekt und Miteinander arbeiten, verspielen oben manche das Vertrauen, das sie eigentlich schützen müssten.
Wo Ehrenamtliche Zeit, Herz und Kraft investieren, um Brücken zu bauen, werden diese Brücken andernorts durch Gier und Gleichgültigkeit eingerissen.
Das ist mehr als ein politisches Problem – es ist eine moralische Prüfung für unsere Gesellschaft.
Darum ist das Gedenken am 9. und 10. November mehr als eine Erinnerung an die Vergangenheit. Es ist eine Mahnung an die Gegenwart.
Erinnern heißt Verantwortung übernehmen – für das, was war, und für das, was ist.
Die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums St. Xaver die morgen Vormittag an der Gedächtnisstele in der oberen Langen Straße Kerzen entzünden, Worte finden und Haltung zeigen, tragen diese Verantwortung weiter. Sie beweisen, dass Erinnerung lebendig bleibt, wenn man sie mit Mut und Bewusstsein verbindet.
Wer heute an die Opfer der Reichspogromnacht denkt, erinnert auch an die Werte, die uns leiten sollten: Demokratie, Würde, Menschlichkeit, Aufrichtigkeit – und den unermüdlichen Einsatz all jener, die diese Werte Tag für Tag leben.
Denn Demokratie stirbt nicht von einem Tag auf den anderen – sie stirbt, wenn man sie verkauft.
Aber sie wächst dort, wo Menschen sich einbringen, helfen, widersprechen und einander nicht aufgeben.
Darum: Schauen wir hin. Stehen wir auf. Vergessen wir nicht.

Retusche und Colorierung: Alexander Bieseke
Titelbild: Die ehemalige Stadt- und Amtsverwaltung in der Schulstraße direkt neben der ehemaligen Volksschule.